Martin Elsbroek
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Wortkunst


 Die folgende Kurzgeschichte ist urheberrechtlich geschützt. Ich würde mich freuen, wenn sie Ihnen so sehr gefällt, dass Sie sie anderweitig - zum Beispiel im Deutschunterricht -  verwenden möchten. Ich bitte Sie allerdings um die Fairness, dies nur mit meiner ausdrücklichen Erlaubnis zu tun, die ich nach Rücksprache gern erteile. Herzlichen Dank.

Aschermittwoch
© Martin Elsbroek

„Nein, nicht so! Du musst beide Enden stramm anfassen und dann gegeneinander verdrehen!“

„Mach ich doch die ganze Zeit!“

„Ja, aber nicht feste genug!“ Carla nahm einen Schluck aus ihrem Sektkelch und giggelte. „Nun mach schon! Mitternacht ist vorbei!“

Mein Sektkelch stand auf der Ablage über dem Waschtisch. Ich nahm noch einen Schluck und widmete mich wieder der Pappröhre, die Carla mir in die Hand gedrückt hatte.

Ich verdrehte sie mit aller Macht – und plötzlich knallte es, die obere Hälfte der Röhre schoss mir aus der Hand und prallte gegen die Badezimmerdecke, während tausende vierblättriger Kleeblättchen aus Stanniol auf uns herabregneten.

Erschreckt hielt ich inne. „Wir machen doch das ganze Hotel wach!“

„Na und? Du hast Geburtstag! Herzlichen Glückwunsch, mein Lieber!“ Sie küsste mich auf den Mund. „Außerdem ist Fasching, die anderen Gäste sind auch noch nicht zu Bett.“

Damit hatte sie Recht und Unrecht zugleich. Unrecht, weil jetzt, fünf Minuten nach Mitternacht, schon Aschermittwoch war und damit kein Fasching mehr. Recht, weil überall in Wien jetzt die Faschingsbälle zu Ende gingen und die Leute spät in ihre Hotels zurückkehrten.

Mit Kleeblättern auf Köpfen und Schultern zogen wir uns wieder ins Zimmer zurück, nahmen auf der Couch Platz und schenkten Sekt nach.

„Und? Was wollen wir morgen machen? Ich meine - “, sie sah auf die Uhr, „ - heute, nach dem Aufstehen?“

„Ach“, sagte ich unschlüssig, „weiß nicht so recht. Die Wiener Philharmoniker sind auf Auslandstournee, Theaterkarten haben wir erst für übermorgen bekommen, und ich könnte mir vorstellen, dass der Aschermittwoch in Wien auch eher mit gebremstem Schaum begangen wird. Außerdem – du weißt ja ...“

Vor zehn Minuten war ich 60 Jahre alt geworden. Diese Zahl machte mir zu schaffen. Die 40 hatte mir nichts ausgemacht, die 50 hatte ich groß gefeiert – aber die 60? Nach sechzig kommt siebzig – und danach der Schluss. Statistisch gesehen beginnt für einen Mann, der in den Fünfzigern geboren wurde, mit dem sechzigsten Geburtstag das letzte Quartal seines Lebens. Basta cosí.

In den vergangenen zehn Jahren hatte ich die Beschleunigung des Lebens auf eine Weise erfahren, die mich schwindeln machte.

Wie sehr hatten sich doch in der Kindheit die Wochen, Monate und Jahre gedehnt! Ein Schuljahr – selbst für einen Zehnjährigen noch ein unüberschaubares Zeitmeer. Und auch die Sommerferien von sechs Wochen: Eine schier endlose Zeitfülle! Was konnte man da alles erleben! Ferienlager, Schwimmbad, Radtouren, Faulenzen, auf dem Bauernhof helfen, mit den Eltern verreisen – ein Füllhorn an Freiheiten und Möglichkeiten.

Und heute? Ein Jahr wie früher ein Tag. Wenn es stimmt, was die Physiker sagen, dass nämlich Zeit ein Maß für die Veränderung von Dingen ist, dann war für mich in den letzten zehn Jahren verdammt viel Zeit vergangen – und zwar mehr als die Zahl zehn auszudrücken vermag.

Die wichtigsten Säulen, auf denen mein Leben geruht hatte, waren mir weggebrochen. Erst meine Beziehung, dann meine Gesundheit, dann meine Wohnung, dann mein Beruf. Nein – ich war kein Fall für die Fürsorge geworden, wirtschaftlich konnte ich mich nicht beklagen. Aber mein Kern, das Zentrum meines Ichs, hatte eine Unwucht bekommen. Ich hatte mich völlig neu erfinden, mir eine Aufgabe schaffen, mit völlig veränderten Bedingungen zurechtkommen müssen.

Und es war mir gelungen. Ich hatte Bücher geschrieben, trat gemeinsam mit einer Freundin als Sprecher fremder Werke auf, engagierte mich im Natur- und Landschaftsschutz. Nicht zuletzt hatte ich eine neue Liebe gefunden – Carla, mit der ich seit wenigen Jahren ein Paar war. Und als wäre all das nicht genug, gab es noch ein Sahnehäubchen obendrauf: Ein Enkelkind, ein kleines Mädchen. Ich lief wieder rund.

Insofern waren diese zehn Jahre auch eine Erfolgsgeschichte. Aber fest stand: Sie waren der Lebensabschnitt mit der stärksten Beschleunigung, mit den größten Veränderungen …

„Was weiß ich? Hallo!“ Carla holte mich aus meinen Gedanken.

„Na, dass ich mit diesem Datum meine Schwierigkeiten habe. Und dann fällt es ausgerechnet auf den Aschermittwoch.“

„Wäre dir der Rosenmontag lieber gewesen? A propos Aschermittwoch: In der Michaelerkirche gibt es abends Gregorianische Gesänge. Hast Du dazu Lust? Und anschließend könnten wir essen gehen.“

„Keine schlechte Idee. Michaelerkirche? Wo ist die?“

„Gegenüber vom Eingang zur Hofburg, schräg gegenüber vom Café Griensteidl.“

„Ach ja, ich entsinne mich.“ Ich gähnte. „Aber jetzt lass uns erst mal zu Bett gehen. Der alte Mann ist müde.“

Den folgenden Morgen begannen wir mit einem Frühstück auf dem Naschmarkt, fuhren dann raus nach Schönbrunn, durchstreiften dort den Park, kehrten mittags im Konzertcafé  Schwarzenberg ein. Bevor wir uns auf den Weg in die Kirche machten, ruhten wir uns eine Weile im Hotel aus.

Die Veranstaltung in der Kirche hatte bereits begonnen. Leise schlichen wir in eine der hinteren Bänke und lauschten den klaren Männerstimmen, die den lateinischen Text in Klang umformten und in die Höhe des Kirchenschiffs schickten, von wo er  sich sanft wie Pulverschnee auf uns absetzte.

Der Gesang verebbte und ein Priester mit vier Ministranten zog ein. Es begann die wohlbekannte Liturgie einer katholischen Messe.

„Wollen wir uns das wirklich antun?“, flüsterte Carla.

„Um Himmels willen“, flüsterte ich zurück, „soweit runtergekommen bin ich nun auch wieder nicht. Auf das Aschenkreuz kann ich gut verzichten. Lass uns lieber dahin gehen, wo die Gesangbücher Henkel haben.“

Sie sah mich schmunzelnd an und nickte. Leise verließen wir die Kirche und verschwanden in Richtung „Hopferl“. Dort gab es, wie wir inzwischen wussten, den besten Tafelspitz von Wien.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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Text der Woche

Nr. 42/2017:

"Aschermittwoch"