Martin Elsbroek
/

Wortkunst


Wer zweimal mit derselben pennt …

© Martin Elsbroek

Nachdem die französische Revolution die Monarchie beseitigt und an ihrer Stelle eine Republik etabliert hatte, machten die Jakobiner jeden einen Kopf kürzer, der im Verdacht stand, der Revolution schaden zu wollen. Ihr Anführer Maximilien de Robespierre begründete dieses Schreckensregime mit dem Argument, die neue Republik müsse vor ihren Feinden geschützt werden. Diesem „Terreur“ fielen erstaunlicherweise die meisten seiner Mitrevolutionäre zum Opfer, was den Verdacht nahelegt, dass es in Wahrheit um die Beseitigung missliebiger Konkurrenten mit abweichenden Vorstellungen ging. Unter ihnen auch  Pierre Vergniaud, der auf dem Weg zum Schafott sagte: „Bürger, es steht zu befürchten, dass die Revolution wie Saturn nach und nach all ihre Kinder verschlingt und am Ende den Despotismus mit allem seinem Unheil gebiert.“ Auch wenn das Regime ein neues war – der Despotismus blieb und kostete Robespierre am Ende selbst den Kopf.

Dass die Revolution ihre Kinder frisst, ist ein Schicksal, dem noch keine Revolutionär entgangen ist, weshalb man darin durchaus eine anthropologische Konstante sehen kann, die dafür sorgt, dass der Erfolg einer Revolution ihre Protagonisten zwangsläufig in Konservative verwandelt, indem sie die errungene Macht und ihren Einfluss mit denselben Mitteln verteidigen wie die Altvorderen die ihre. Auch die 68er Revolution, die das Paradigma des gesellschaftlichen Comments revolutioniert hat und bis heute prägt, entkam dem nicht.

Die Korruptionskraft der Macht

„Die Revoluzzer von gestern sind Autorität geworden“, schreibt Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“, „ - trotz aller Verirrungen, die es gegeben hat. Aus einer 68er-Bewegung, der die Revolution wichtiger war als die Demokratie, ist ein staatstragendes Milieu geworden; der utopische Überhang ist verschwunden. Aus einem Steinewerfer wie Joschka Fischer wurde ein ordentlicher Außenminister, der erste, der die Bundeswehr wieder in einen ordentlichen Krieg führte. Das zeigt die Integrationskraft der Demokratie und die Korruptionskraft der Macht, das lehrt aber auch, dass die systemkritischen Impulse ihre Kraft verloren haben.“

Das ist genau der Punkt. So sehr die 68er gegen das muffig-restaurative moralische Paradigma der jungen Bundesrepublik wetterten, so beiläufig und selbstverständlich ersetzten sie selbiges auf ihrem Marsch durch die Institutionen einfach durch ein anderes, das eigene nämlich, welches sie seither mit Klauen und Zähnen verteidigen. Das große Versprechen einer alles umfassenden Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen blieb dabei auf der Strecke - es erwies sich als unerfüllbar.

Prantl schreibt, auf die Frage, was von 1968 geblieben sei, habe Jürgen Habermas 1988 geantwortet: Frau Süßmuth.  Damit habe er die fundamentale Liberalisierung der Republik gemeint, die da in Gestalt von Frauenemanzipation, Ökologie- und Anti-Atombewegung, Friedensbewegung, entspannter Sexualmoral und umfassender Demokratisierung die Gesellschaft so sehr verändert habe, dass man die heutige Bundesrepublik als „verachtundsechzigten Staat“ apostrophieren könne.

Schnee von gestern

Das Ergebnis ist einerseits die Akzeptanz von Lebensentwürfen, die vor fünfzig Jahren noch sozial geächtet, wenn nicht gar strafrechtlich sanktioniert wurden. Homosexualität z.B. stand in den Sechzigern noch  unter Strafe, und eine uneheliche Geburt zog handfeste rechtliche Nachteile nach sich, so z.B. war man als unehelich Geborener vom väterlichen Erbe ausgeschlossen. Frauen besaßen noch nicht die gleichen Rechte wie Männer, Lebensformen wie Patchwork- oder Regenbogenfamilie waren vollkommen unvorstellbar, während geistig und körperlich Behinderte vor der Gesellschaft als „Invaliden“ schamhaft versteckt wurden. All das ist Schnee von gestern.

Möglich wurden diese Veränderungen durch die Aufweichung rigider Vorstellungen von Moral, und das ist zweifellos ein Verdienst der 68er. Die heutige Gesellschaft ist bunter und vielfältiger. Und das ist in der Tat gut so.

Der springende Punkt ist allerdings, dass dem moralischen Kanon der 68er selbst ein normativer Anspruch eingeschrieben ist, der nicht weniger rigide daherkommt als der von ehedem. Wer sich den Imperativen der 68er verweigert, bekommt dies zu spüren. Zwar nicht auf dem Schafott, aber durchaus am Pranger.

No frontiers?

Jörg-Uwe Albig beschreibt in „Geo Epoche“ am Beispiel der „Black Bear Ranch“ in Nordkalifornien das Experiment der Land-Kommunen, die in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre in den USA in großer Zahl mit dem Anspruch gegründet wurden, individuelle Freiheiten zu erweitern, indem überkommene Grenzen ignoriert werden: „Die frontier liegt aber nicht nur in der rauen Umwelt – sie steckt auch im Inneren des Menschen: In den Wüsteneien der Kleinfamilien-Erziehung, dem undurchdringlichen Unterholz des Privaten, den mächtigen Strömen bürgerlichen Besitzdenkens. Und so muss nicht nur die Grenze zur Terra incognita überwunden werden, sondern auch die zwischen Mensch und Mensch. Um etwa den Fetisch Eigentum zu überwinden, sammeln die Kommunarden alle Kleidung in einem Lager, an dem sich morgens jeder bedient. Und ein Ranchbewohner, der eines Tages sein verliehenes Werkzeug von anderen zurückfordert, wird nach strengen Debatten aus der Gemeinschaft komplimentiert. Das Private ist politisch? Vor allem ist es überflüssig – ein unnötiger Ballast aus der Zeit der Vereinzelung. […] Isolation ist Desertion: einer der Kommunarden, der sich nachmittags mit einem Buch in seine Hütte zurückziehen will, wird rasch belehrt, dass ein solches individualistisches Verhalten unerwünscht ist. Nicht einmal auf dem Klo ist man für sich … nicht nur Dinge dürfen niemandem gehören, sondern auch Menschen: Partnertausch ist ausdrücklich erwünscht. Und eine Zeitlang tritt sogar die Regel in Kraft, nach der niemand zwei Nächte hintereinander mit der gleichen Person schlafen darf – um 'Paarbildung' zu vermeiden.“

Das Ziel der Befreiung von Regeln wird in neuen Regeln erstickt. Die aufgeklärte Liberalität erweist sich als illiberal. Die Revolution frisst ihre Kinder.

Analoge Erfahrungen machten übrigens auch die Bewohner der Berliner Kommune 1, bevor sie ihr Experiment Ende 1969 nach fast drei Jahren abbrachen. 

Das Unbehagen der Normalos

Dadurch, dass der moralische Kanon der 68er den Blick auf zuvor tabuisierte Themen und deren Protagonisten eröffnete und eine öffentliche Debatte über deren legitime Anliegen in Gang setzte, machte sich in Teilen der Bevölkerung Unbehagen an dieser Debatte breit, welches besonders dem Gefühl geschuldet war, dass an den basalen Anliegen einer Normalo-Mehrheit vorbeidiskutiert werde. Zwar berührten Themen wie Emanzipation, Ökologie und Weltfrieden anfangs noch ein allgemeines Interesse, wurden aber von ihren Protagonisten in einem elitären, selbstreferentiellen Duktus verhandelt, der eben diejenigen von der Debatte ausschloss, denen sie angeblich diente.

Dieses Gefühl verstärkte sich in den Folgejahren und -jahrzehnten vor allem dadurch, dass einerseits die Themen sich immer weiter ausdifferenzierten und folglich immer weniger Menschen betrafen, während andererseits der zuvor schon elitäre Duktus, in dem diese Themen verhandelt wurden, in einer zunehmend rigorosen Denk- und Sprachregelung mündete: Der der politischen Korrektheit.

Beispielsweise wurde die Emanzipationsdebatte anfangs noch in Begriffen geführt, die jedermann verständlich und zugänglich waren. In den siebzigern und achtzigern wurden Mann und Frau noch als Kategorien eines binären Geschlechtsbegriffs gedacht, die sie nach Erkenntnis der Biologie tatsächlich sind; mittlerweile indes hat die Gender-Ideologie den Geschlechtsbegriff historisch und sozial dekonstruiert (und die Biologie als Wissenschaft gleich mit), und behauptet jeglicher Evidenz zum Trotz, Geschlecht sei ein zweipoliges Spektrum zwischen  "Mann" und "Frau", zwischen denen es noch unzählige andere Geschlechter gebe.

Widerspruch tut not

Von derlei Geschwafel fühlt sich eine zunehmende Mehrheit der Wahlbürger nicht nur für dumm verkauft, sondern in ihrer lebensweltlichen Bedürfnis- und Interessenlage auch ignoriert. Kein Wunder also, dass sie sich neu orientiert.

Heribert Prantl fragt in der „Süddeutschen Zeitung“: „Warum machen heute die Falschen Geschichte? Warum triumphieren die populistischen Extremisten, warum sind die Trumps, Erdogans und Orbáns obenauf, warum kann ein AfD-Politiker heute Deutsche mit ausländischen Wurzeln vor johlenden Anhängern straflos als 'Kümmeltürken' beschimpfen?“

Weil eine Generation von Liberalen und Progressiven, so Philipp Oehmcke im SPIEGEL Nr. 49/2016, vor "... lauter Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung ... übersähen ..., was Donald Trump erkannt habe: Die meisten Menschen in den USA sind nicht unglücklich oder wütend wegen ihres Geschlechts, ihres Personalpronomens oder eines fehlenden Warnhinweises vor der Lektüre …. Sie sind wütend, weil sie ihre Miete nicht zahlen können und das Gefühl haben, dass dies keinen interessiert, während sich die liberal-progressive Öffentlichkeit darüber streitet, ob Transsexuelle nun die öffentliche Toilette ihres biologischen oder ihres gefühlten Geschlechts benutzen sollten."

Und in einem Interview mit der bereits zitierten Süddeutschen Zeitung gibt die amerikanische Feministin Camille Paglia darauf eine weitere bemerkenswerte Antwort: „Wenn nur die Rechte den Problemen der Menschen eine Stimme gibt, dann ist die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und des freien Denkens der Linken mitschuldig an einer politischen Bewegung nach rechts. Das gilt für viele Themen, nicht nur für den Feminismus. Eine Gegenstimme zum dominierenden Kanon ist längst überfällig.“

Und jetzt raten Sie mal, was mit Frau Paglia gerade in ihrer eigenen feministischen Community passiert ...