Martin Elsbroek
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Wortkunst


Wahrscheinlich gibt's Wildschwein

© Martin Elsbroek


Wenn ein englischer Muttersprachler einen englischen Text ins Deutsche zu übersetzen versucht, in dem der Begriff „customer“ vorkommt, so zieht er womöglich ein Wörterbuch zu Rate, das ihm folgende Begriffe anbietet: Kunde, Verbraucher, Konsument, Abnehmer, Abonnent, Käufer, Klient, Gast, Stammgast, Bursche.

Für einen des Deutschen nicht Mächtigen ist es nun schwer, aus dieser Riege von zehn Begriffen den passenden auszuwählen, denn dazu wäre es nötig, dass ihm die Kontexte geläufig sind, in die diese Begriffe jeweils gehören.

Auf den Kontext kommt es an

Das heißt: Um die Bedeutung eines Wortes zu ermitteln, bedarf es nicht nur des nackten Wortes selbst, sondern auch seines Kontextes, also der Umgebung, in der es seine Bedeutung entfaltet.

Dasselbe gilt umgekehrt für die Verwendung ein und desselben Wortes in unterschiedlichen Bedeutungsumgebungen. Nehmen wir folgendes Beispiel: Während einer Theatervorstellung sackt ein Mensch plötzlich ohnmächtig zusammen und fällt zu Boden. Seine Nachbarn springen auf, ihm zu helfen, und einer ruft laut ins Publikum: „Ist ein Arzt hier? Wir brauchen einen Arzt!“

In dieser Situation ist absolut klar, dass mit „Arzt“ eine heilkundige Person gemeint ist, wobei völlig unerheblich ist, welchem Geschlecht diese Person angehört. Hier wird „Arzt“ in seiner verallgemeinernden – der generischen – Form verwendet.

Etwas anderes ist es, wenn eine muslimische Frau in eine ärztliche Gemeinschaftspraxis kommt und ausdrücklich verlangt, von einer Ärztin, nicht von einem Arzt, untersucht zu werden. In diesem Fall ist „Arzt“ nicht im generischen Sinne von „heilkundige Person“ sondern im speziellen Sinne von „heilkundiger Mann“ verwendet.

Jeder erwachsene Sprachteilnehmer ist in der Lage, derlei Kontexte wahrzunehmen und zu  berücksichtigen. Andernfalls würde sich jeder an folgendem Satz stoßen: „Die Käufer unserer Cabriolets sind in der Mehrzahl weiblich.“ Außer militanten Feministinnen aber stößt sich niemand daran. Aber die kaufen ja auch keine Cabrios; vermutlich wegen fehlender Spaßbremsen.

Folglich liegt das Begehren einer Dame aus dem Saarland, per Gericht eine sogenannte „gendergerechte“ Sprache in Formularen, Verträgen und Gesetzen durchzusetzen, neben der Sache, und zwar genau so weit wie mancher Kommentar, der das Scheitern dieses Begehrens begleitet.

Sprache bildet nicht den Status quo ab

Eines der am häufigsten aufgetischten Argumente dabei ist jene Behauptung, Sprache bilde gesellschaftliche Strukturen ab, und wenn man diese ändern wolle, müsse man zunächst die Sprache ändern.

Schon die Voraussetzung ist falsch. Sprache bildet nicht ausschließlich die gegenwärtigen Strukturen ab. Mit dem Vokabular, der Grammatik und den Stilebenen einer Sprache verhält es sich wie mit den Sedimentschichten eines großen Sees. Entnimmt man dem Grund des Sees einen Bohrkern, so kann das geschulte Auge daran seine Geschichte ablesen: Seine Entstehung, sein Alter, die erlebten Eis- und Warmzeiten, Naturkatastrophen, die Flora und Fauna, die je in ihm und um ihn herum zuhause waren. Dieser Bohrkern bildet seine Geschichte ab, nicht seinen Status quo.

Dasselbe gilt für jeden Satz, den wir sprechen. Jeder Satz, der uns über die Lippen geht, enthält die Ursprünge der Sprache ebenso wie ihre Umwälzungen.

Folglich spiegelt unsere Sprache sehr wohl auch die patriarchalen Einflüsse ihrer Entstehung. Das bestreitet niemand, der bei Sinnen ist. Aber sie bildet eben auch ab, was sich im Laufe der Jahrhunderte geändert hat.

Sprachwandel geschieht spontan und planlos

Denn jede Sprache folgt in ihrem Wandel neuen Ausdruckserfordernissen, die eine sich ändernde technische und soziale Realität verlangt – es ist nicht umgekehrt die Realität, die der Sprache folgt, wie die Gender-Aktivistinnen uns weismachen wollen. Und: Sie tut dies, wie jeder evolutive Impuls, spontan und planlos. In irgendeinem subkulturellen Kontext und/oder Diskurs wird ein neuer Begriff, eine neue Bezeichnung, eine neue Metapher kreiert und schafft es im Erfolgsfall ganz nach oben in den DUDEN. Oder eben nicht.

Sprachgenderung nimmt konsequenterweise den umgekehrten Weg, aber das ist der Ansatz, der noch nie funktioniert hat: In einer Top-Down-Bewegung sollen von oben neue Begrifflichkeiten in das Sprachverhalten der Menschen gedrückt werden. Allerdings sind schon die Hitler-Nazis mit dem „Vier-Dosen-Zerknall-Treibling“ gescheitert, mit dem sie den Vierzylinder-Explosionsmotor arisieren wollten; genauso übrigens wie die DDR-Sozialisten, die den Weihnachtsengel zur „geflügelten Jahresendfigur“ zu säkularisieren gedachten.

Dasselbe Schicksal wird vermutlich auch den Vorschlag von Frau Hornscheidt ereilen, alle anredefähigen Berufs- und Amtsbezeichnungen geschlechtsneutral zu machen, indem sie sie auf „-ix“ enden lässt. Also etwa so: Das Professix Maier lädt das Nachwuchswissenschaftlix Müller zu einem Essen ein. Das Kochix bereitet das Essen zu, bevor das Kellnix es an das Tisch bringt. Wahrscheinlich gibt's Wildschwein.

Sprachgenderung ist folglich der Versuch, alle vermeintlichen Fehler der Sprachgeschichte mit einem Schlag zu korrigieren, wobei der grundsätzliche Irrtum der Sprachreinigerinnen bereits in deren Überzeugung besteht, ganz genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Und das ist, wie man sieht, durchaus widersprüchlich: Die Dame aus dem Saarland möchte sprachlich als Frau vorkommen, Frau Hornscheidt möchte im  Gegenteil Geschlechtsunterschiede sprachlich einebnen.

Wie auch immer: Der Versuch der Sprachgenderung gleicht der Haltung eines Grundstückserben, sein Erbe nur unter der Bedingung anzutreten, dass alle im Untergrund enthaltenen Siedlungsspuren eliminiert werden, die nicht heutigen Standards entsprechen. Ein solcher Mensch würde sich komplett von seiner eigenen Geschichte abschneiden. Darin besteht die große Gefahr jeglicher Form von Sprachreinigung aus Gründen der politischen Korrektheit. Der Bohrkern wird geschichtsblind.

Der Fortschritt ist eine Schnecke

Eine Kommentatorin rechnete vor, dass, wenn das Tempo der Veränderung sich nicht beschleunige, wir vermutlich erst um das Jahr 2150 herum mit der Gleichberechtigung fertig würden. Abgesehen davon, dass die Dame zwar Gleichberechtigung schrieb, aber vermutlich Gleichstellung meinte; abgesehen auch davon, dass äußerst fraglich ist, ob Gleichstellung von den Gleichzustellenden so sehr ersehnt wird wie von den Gleichstellerinnen: Ja, der Fortschritt ist eine Schnecke. Und die Verlockung, per Revolution eine Abkürzung zu nehmen, trug im geschichtlichen Rückblick so gut wie nie; am Ende waren es meistens die Revolutionäre selbst, die auf dem Schafott landeten, während die Verhältnisse zunächst blieben, wie sie waren. Revolutionäre Ungeduld ist zudem in aller Regel ein Zeichen dafür, dass die Revolutionäre der Überzeugungskraft ihrer eigenen Ideologie zu misstrauen beginnen.

Ulrich D. Heinz aus Marburg schreibt in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung (abgedruckt am 7.3.2018): „Die angeblich geschlechtergerechte Redeweise heuchelt Bedarf, indem sie die Bedeutungsbreite von Sammel- und Gattungsbegriffen leugnet; Worte mit mehr als einer Bedeutung gibt es vielfach. Sie schiebt den Leuten ein Unvermögen unter, den richtigen Wortgehalt im Gedankengang zu begreifen; und das besonders dem weiblichen und den dritten Geschlechtern, die sie fördern will. Sie ist, indem sie es angeblich genauer nimmt, rätselhaft, bildschräg, begriffsstutzig, umständlich, sprunghaft, verständnishemmend, hilflos, dreist und nichtsnutzig. Mit der geschlechtsbetonenden Sprache ist es wie mit dem oberflächlichen Antirassismus, der den achtbaren Mohren entwürdigt: Kenntnismangel und Missdeuten werden verknüpft mit Verbissenheit und Herrschsucht.“

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