Martin Elsbroek
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Wortkunst


Schuss nach hinten

© Martin Elsbroek

Im Oktober 2017 zitierte das Göttinger Tageblatt die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Göttingen, nennen wir sie Frau Krause, mit der Aussage, die Behauptung, dass es Gleichberechtigung schon gebe, sei im Grunde bereits sexistisch, „... denn dass das nicht stimmt, wissen wir.“

Angesichts solch postfaktischen Unsinns möchte man die Dame fragen, wo sie in den vergangenen fünfzig Jahren gelebt hat.

Denn: Das Grundgesetz der BR Deutschland räumt im Artikel drei des Grundgesetzes jedem Menschen dieselben Rechte ein – und zwar unabhängig vom Geschlecht. (Die Einschränkungen aufgrund von Minderjährigkeit oder Unmündigkeit lasse ich außen vor.)

Gleichberechtigung ist state of the art

Das war nicht immer so, vor allem weite Teile des Familien- und Eherechts im Bürgerlichen Gesetzbuch lagen damit lange über Kreuz. Doch seit dessen Novellierung im Jahr 1976  ist die Gleichberechtigung state of the art.

Ist Frau Krause vielleicht erst nach '76 geboren? Könnte sein, aber müsste sie dann nicht am eigenen Leib erlebt haben, dass ihr keine rechtlichen Hürden im Weg standen? War ihr der Zugang zu höherer Bildung versperrt? Zur Universität? Musste sie Vater oder Ehemann um Zustimmung zur Berufswahl bitten? Muss sie ihr Arbeitseinkommen beim Ehemann abliefern, damit der es verwaltet?

Von dieser Sorte nämlich waren die rechtlichen Hürden, vor denen unsere Mütter noch standen – aber gewiss nicht die heute Vierzigjährigen.

Sollte Frau Kruse früher geboren sein – vielleicht in den Fünfzigern wie ich selbst - dann sollte sie umso mehr den Unterschied zwischen vorher und nachher kennen.

So zu tun, als stünden wir noch auf dem Stand von 1967, ist also unredlich, um nicht zu sagen unehrlich.

Aber es könnte immerhin sein, dass Frau Krause Gleichberechtigung sagt, aber Gleichstellung meint. Immerhin ist sie ja die Beauftragte zur Gleichstellung und nicht zur Gleichberechtigung. In dem Falle würde ich jedoch ihre Qualifikation stark anzweifeln, denn diese beiden Begriffe sollten von einer Gleichstellungsbeauftragten sauber differenziert werden können.

Gleichberechtigung und Gleichstellung sind nicht dasselbe

Das Konzept „Gleichberechtigung“ schreibt vor, dass alle Menschen unter denselben Umständen ihr Leben in die Hand nehmen und gestalten können. Es beschreibt also die Startbedingungen.

Was dann am Ende dabei herauskommt, ob man also Hochschullehrer(in) oder Kassierer(in) im Supermarkt, Millionär(in) oder Obdachlose(r), sportlich-attraktiv oder pummelig-ungepflegt wird, hängt von einer Handvoll anderer Parameter ab. Zum Beispiel vom Elternhaus, vom sozialen Milieu, von den Talenten, vom Geschick, von der Anstrengung und nicht zuletzt auch vom Glück, das einem fehlt oder das man hat.

Gleichstellung“ hingegen enthält die Forderung nach identischen Ergebnissen: „Der fanatische Feminismus zielt heute weder auf Freiheit noch auf Chancengleichheit, sondern auf Ergebnisgleichheit. Alle starren auf die Zahlen bei der Besetzung von Führungspositionen. Wie hoch ist der Anteil weiblicher Professoren an den Universitäten? Wie viele Unternehmen werden von Frauen geführt? Nie geht es um konkrete Frauen und die Anerkennung ihrer Leistung, sondern immer nur um die Gruppe und ihre 'Quote'. Die fanatischen Feministen heute wollen Gleichheit statt Freiheit, und zwar Ergebnisgleichheit statt Chancengleichheit“, schreibt Norbert Bolz.

Bezogen auf die Geschlechter bedeutet dies, dass in jeder betrachteten Kategorie des gesellschaftlichen Leben ebenso viele Frauen wie Männer vorkommen müssen. Also: Genau so viele Chefärztinnen wie Chefärzte, Krankenschwestern wie Krankenpfleger, Tischlerinnen wie Tischler, Erzieherinnen wie Erzieher und so weiter.

Wie will man Gleichstellung erreichen?

Selbst wenn man sich einer solchen Forderung anschlösse, müsste man sofort über die Frage stolpern: Wie will man das erreichen?

Bergleute sind zu 100% männlich, Maurer zu 99%, Gas-Wasser-Installateure zu 98,7%, Feuerwehr-Einsatzkräfte zu 98,6%.  

Hebammen sind zu 100% weiblich, Kosmetiker zu 96%, Erzieher zu 92%, Grundschullehrer zu 89%, Krankenhaus-Pflegekräfte zu 86%.

Beide Listen sind beliebig verlängerbar. Und die Frage, auf welchem Wege Gleichstellung erreicht werden soll, nachdem selbst fünfzehn Jahre Girls' Day hieran nichts Entscheidendes zu ändern vermochten, stellt sich noch nachdrücklicher. Vor allem im Lichte des Geschlechterparadoxons, welches besagt, dass ausgerechnet in den Staaten der westlichen Welt, in denen Gleichberechtigung der Normalfall ist, die Neigung zu geschlechtsspezifischer Berufswahl zunimmt statt abzunehmen. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Susan Pinker, Autorin eines vielbeachteten Buches zum Thema: "Studien haben gezeigt: Je fortgeschrittener die Emanzipation in einem Land ist, desto häufiger wählen Mädchen die klassischen Frauen-Fächer. Der Anteil weiblicher Physik-Studenten liegt in arabischen Staaten deutlich höher als in Westeuropa. Auch in Asien beweisen Frauen sich in Männer-Domänen. Bei uns dagegen machen sie, wozu sie Lust haben. Das ist eine Folge der Emanzipation, die so niemand erwartet hat!"

Weiter verschärft die o.g. Frage sich, wenn folgende Fakten ins Spiel kommen: Strafgefangene sind zu 95% männlich, Obdachlose zu 75% und Alkoholiker zu 70%.

Bleiben wir kurz bei den Strafgefangenen. Um hier Gleichstellung zu erreichen, müsste man entweder massenhaft männliche Straftäter entlassen, oder massenhaft Frauen einsperren oder am besten beides. Die Absurdität des Gleichstellungskonzepts zeigt sich hier in seiner ganzen Schärfe. Denn ganz offensichtlich hat Delinquenz entscheidend mit dem Geschlecht zu tun, und zwar konkret mit der hormonellen Ausstattung der Delinquenten. Die Aggressivität und Risikobereitschaft  junger Männer korreliert eindeutig mit ihrem Testosteronspiegel; ein Einwand mithin, welchen die Gender-Ideologen allerdings komplett in Abrede stellen, und zwar, weil er biologisch argumentiert.

Nehmen wir sie also ernst und erlauben uns folgendes Gedankenspiel: In den USA gibt es einen farbigen Bevölkerungsanteil von etwa 13%. Zugleich sitzen in US-Gefängnissen etwa zu 37% schwarze Menschen ein. Schwarze sind in US-Knästen also knapp dreifach überrepräsentiert. Das wird von vielen Sozialwissenschaftlern als Beweis für die strukturelle Diskriminierung von Schwarzen aufgefasst. Müssten die Gender-Ideologen folglich nicht auch lautstark die strukturelle Diskriminierung geißeln, die sich darin ausdrückt, dass bei einem Männeranteil von 50% an der Gesamtbevölkerung männliche Strafgefangene 95% aller Knackis ausmachen?

Sie tun es nicht. Warum nicht? Vielleicht, weil sie dieses Spielchen ebenso wie ich für absurd halten. Aber warum spielen sie es dennoch munter weiter – wenn auch auf anderen Themenfeldern?

Gleichstellung ist nur in autoritärem Staat zu haben

Weil sie, so die Antwort, uns Menschen gleicher und die Gesellschaft gerechter machen wollen. Und weil sie glauben, das nur erreichen zu können, indem die Struktur der Gesamtgesellschaft nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit in jedem ihrer Subsysteme korrekt abgebildet wird, um auf diese Weise jede denkbare Diskriminierung auszuschalten.

Damit nehmen sie aber in Kauf, dass der Schuss gepflegt nach hinten losgeht. Denn jede geschichtliche Erfahrung lehrt, dass immer dann, wenn irgendein Menschheitsbeglückungsversprechen in die Tat umgesetzt wurde, am Ende die Hölle stand statt des versprochenen Himmels. Das gilt besonders für marxistische Experimente. Immer wenn von den betroffenen Menschen ideologisch normiertes Denken und Verhalten verlangt wurde, standen am Ende Unfreiheit und Totalitarismus. Erinnert sei nur an den Sowjetsozialismus, die chinesische Kulturrevolution, das kambodschanische Regime der Roten Khmer und nicht zuletzt den real existierenden Sozialismus in der DDR und auf Kuba. All diese Konzepte versprachen nicht weniger als den „neuen Menschen“, der für Fortschritt und Gleichheit stehe. Die realen Menschen hatten dies jedoch mit Unfreiheit zu bezahlen, ohne das Versprochene je zu bekommen. Wieso also sollte der Radikalfeminismus, der, wie Norbert Bolz zutreffend anmerkt, ein Kind des Marxismus ist, hier eine Ausnahme machen? Schließlich sei für ihn die Familie nichts als eine Fessel  und die Ehe nichts als Prostitution und Vergewaltigung, woraus folge, dass nur deren Zerstörung die Ungleichheit zwischen Mann und Frau aufheben könne.

In einem Aufsatz für die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt Thomas Steinfeld: „'Gleichgestellt' kann eine Gesellschaft erst dann sein, wenn jede ihrer Fraktionen im gesellschaftlichen Leben angemessen repräsentiert ist, weshalb das Prinzip 'Gleichstellung' dem Prinzip 'Gleichberechtigung' zumindest latent widerspricht: Wenn die Ergebnisse aller Anstrengungen immer die gleichen sein sollen, wird man auf unterschiedliche Voraussetzungen Rücksicht zu nehmen haben. Dann muss man Menschen absichtlich ungleich behandeln, um am Ende Gleichheit erzeugen zu können - irgendwann vielleicht. Weil solche Ungleichbehandlungen aber durchgesetzt werden müssen, immer und überall, setzt das Prinzip der 'Gleichstellung' eine permanente Kontrolle aller gesellschaftlichen Aktivitäten voraus. 'Gleichstellung' ist deswegen ohne einen autoritären Staat nicht zu haben.“

Diskriminierung wird Staatsaufgabe

Ein aktuelles Beispiel für gezielte Ungleichbehandlungen ist die Einstellungs- und Beförderungspraxis im öffentlichen Dienst, die „bei gleicher Eignung“ Frauen explizit bevorzugt, was euphemistisch die Benachteiligung von Männern umschreibt. Ganz abgesehen davon, dass man eine „gleiche Eignung“ auch taktisch feststellen kann, wenn man unbedingt eine Frau an eine bestimmte Position bringen will. Norbert Bolz schreibt, dass jeder Wettbewerb um knappe Positionen ein Kampf um Vorrang sei. „Das heißt aber: Es entsteht immer eine Nachfrage nach Ungleichheit. Man muss Männer benachteiligen, wenn man Frauen 'nach vorne' bringen will.“

Ein weiteres Beispiel bietet die Inklusion im Bildungsbereich, bei der sich abzeichnet, dass sie die talentierten Schüler bremst, ohne die gehandicapten entscheidend zu fördern. Jedenfalls berichten das betroffene Eltern; sowohl solche, die ihre gehandicapten Kinder lieber weiter in einer Förderschule sähen als auch solche, die sich für ihre Durchschnittskinder homogenere Lerngruppen wünschten.

Die Anwendung von Ungleichbehandlung, die ja dem Diskriminierungsverbot des Gender Mainstreamings eklatant widerspricht, wird in der Regel damit begründet, dass sie Ungleichbehandlungen vergangener Epochen ausgliche. Aber auch das ist natürlich hanebüchener Unsinn, denn wie soll altes Unrecht dadurch ausgeglichen werden, dass man heute neues begeht? Das erinnert an archaische Denkmuster wie „Auge um Auge, Zahn um Zahn“; an Rituale der Blutrache, die auch dann unbeirrt fortgesetzt werden,  wenn die Betroffenen deren Ursprung längst nicht mehr kennen.

Bislang stand lediglich das Merkmal Geschlecht im Zentrum der Betrachtung, was unter Genderperspektive schon kompliziert genug ist. Aber Benachteiligungen kommen eben auch hinsichtlich der Merkmale Hautfarbe, Ethnie, sexuelle Orientierung, Handicap, Religion – um nur die geläufigsten zu nennen – vor, wodurch das Problem sich noch einmal exponentiell verkompliziert. Denn Kumulationen von Benachteiligungen sind ebenso denkbar wie auch  Diskriminierungen der einen Opferfraktion durch die andere. Das alles – und dazu noch die oben genannten persönlichen Parameter – auszugleichen und in der Waage zu halten, verlangt jenen immensen administrativen und exekutiven Aufwand, der geradewegs in den autoritären Staat führt, von dem Steinfeld spricht.

Gleichstellung verschärft Unterschiede

Die unüberbietbare Ironie dieser Geschichte aber ist, dass eine solchermaßen durchgesetzte „Gleichstellung“ die kritisierten Unterschiede verschärft, statt sie aufzuheben. Die Gender-Idee besagt ja, dass das Merkmal „Geschlecht“ nicht realiter existiere, sondern lediglich sozial und diskursiv konstruiert sei, woraus folgt, dass sichtbare Geschlechtsunterschiede in Kleidung, Haartracht und Verhalten allesamt erlernt seien, woraus seinerseits folgt, dass man sie auch wieder abtrainieren können müsste. Kurzum: Geschlecht als binäres Merkmal könne man vergessen und mit ihm das gesamte Sozial-Brimborium, was daran hänge. Theoretisch ist das Geschlecht für das Gender Mainstreaming bedeutungslos.

Praktisch aber gewinnt eben dieses Merkmal dadurch an Bedeutung, dass für jede Person sämtliche diskriminierungsrelevanten Merkmale erfasst werden müssen. Es beginnt bei ihrer Stamm-Klientel, nämlich allen Frauen dieser Welt, die die Gender-Ideologen anhand des Merkmals Geschlecht definieren. Und auch ihr Feindbild, den alten weißen Mann, definieren sie entlang dreier biologischer Merkmale: Alter, Hautfarbe und Geschlecht. In Stellenausschreibungen wird darauf hingewiesen, dass bei gleicher Eignung Frauen bevorzugt eingestellt werden – aber woran erkennt man Frauen, wenn nicht an ihren biologischen Merkmalen? Gendergerechte Kinderbücher zeigen Menschen mit Zöpfen, die in Werkstätten Autos reparieren. Ampelweibchen müssen, um der Gendergerechtigkeit Genüge zu tun, in gleicher Zahl wie Ampelmännchen unsere Fußgängerampeln zieren – mit Kleid und Zöpfen. Aber wieso Zöpfe, wieso Kleid? Waren das nicht eben noch Merkmale sozialer Konstruktion, die in die Mottenkiste der Geschichte gehörten?

Absurditäten des Feminismus

Hier zeigt sich der grundsätzliche Denk- und Konstruktionsfehler des Genderkonzepts.

Steinfeld hat folglich recht, wenn er schreibt, der Genderglaube verstärke „... die Unterschiede, die er zu kritisieren vorgibt. Er tut es, indem er die Menschen nach ihren Geschlechtsmerkmalen - oder nach ihrer Hautfarbe, nach ihren sexuellen Neigungen - sortiert, gründlicher, als es die bestehende Gesellschaft je tat, geschweige denn noch tun würde. […] Er sorgt dafür, dass jeder Mensch zuerst und zuletzt als repräsentatives Geschlechtswesen wahrgenommen wird ... Gleiches gilt, weniger drängend, aber doch gegenwärtig, für die Hautfarbe und für die sexuellen Neigungen.“

Alle Absurditäten des fanatischen Feminismus rühren … daher, dass einige Akademikerinnen nicht in der Lage sind, zwischen Gleichberechtigung und Gleichheit zu unterscheiden“, schreibt Norbert Bolz.

Und man fragt sich, wieso vor 40 Jahren der geringste Marxismus-Verdacht ausreichte, um jemanden aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen, während derselbe öffentliche Dienst heute stattliche Gehälter an Genderprofessorinnen und Gleichstellungsbeauftragte zahlt.

In Norwegen jedenfalls wurde nach der Ausstrahlung der Fernsehdokumentation "Gehirnwäsche", mit der der Fernsehjournalist Harald Eia dem Gender Mainstraming zu Leibe rückte, den Gender Studies der Geldhahn zugedreht. Gut so.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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