Martin Elsbroek
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Wortkunst


Pippi Langstrumpf und Herr Lafontaine

(c) Martin Elsbroek


Vertreter der Political Correctness (PC) reagieren auf Kritik üblicherweise mit der rhetorischen Frage, was denn verwerflich daran sei, anderen Menschen mit Respekt zu begegnen und selbigen auch in korrektem Sprachgebrauch auszudrücken.  Dieses scheinbar stichhaltige und entwaffnende Argument verdeckt allerdings den grundsätzlichen Unterschied zwischen Höflichkeit und PC. 

Unter Höflichkeit wird allgemein ein Tableau an Formen des sozialen Umgangs miteinander verstanden, die geeignet sind, dem jeweiligen Gegenüber Respekt zu zollen. Diese Gepflogenheiten haben sich historisch entwickelt und sind konventionalisiert, das heißt, sie sind mehrheits- und konsensfähig. Allerdings sind sie weder erzwingbar noch sanktionsbewehrt; jeder kann straflos gegen sie verstoßen, darf sich dann aber nicht wundern, wenn ihm selbst diese Höflichkeit vorenthalten wird. Insofern Höflichkeit eine strikt formale Kategorie ist, gehört sie zu den sogenannten Sekundärtugenden, von denen Oskar Lafontaine 1982 im Streit mit Helmut Schmidt behauptete, mit ihnen könne man auch ein KZ betreiben.

PC verlangt ein politisches Bekenntnis 

Was Lafontaine damit angreifen wollte, ist die inhaltliche Leerstelle im Konzept der Höflichkeit. Die allerdings erweist sich im Verhältnis zur PC als entscheidender Vorzug.  Indem sie nämlich von Inhalten absieht, erweist Höflichkeit nicht nur jenen Menschen Respekt, die so sind und so ticken wie ich, sondern auch solchen, die sich von mir bis hin zum offenen Widerspruch unterscheiden.

PC unterscheidet sich von Höflichkeit in zwei entscheidenden Punkten: Erstens verlangt PC das Bekenntnis zu einer ganz bestimmten sozialen und/oder politischen Haltung. Sie ist also mitnichten gleichgültig gegen Inhalte des Denkens oder Sprechens. Sie schreibt sie im Gegenteil vor, indem sie bestimmte Begriffe stigmatisiert und tabuisiert, andere hingegen offensiv verlangt. Das ist die Ursache dafür, dass Paradigmenwechsel notwendig den Austausch von Begrifflichkeiten nach sich ziehen, was fatal an Orwells „1984“ erinnert, wo das „Ministerium für Wahrheit“ Heerscharen von Redakteuren damit beschäftigt, nach jeder ideologischen Kehrtwendung jeden jemals öffentlich erschienen Text begrifflich anzupassen. 2018 betrifft das konkret sogar Pippi Langstrumpf, deren Vater kein Negerkönig mehr sein darf, sondern nur noch Südseekönig.

PC ist ein subkulturelles Minderheitenprojekt  

Zweitens erweist sich PC damit – man erkennt es an diesem Beispiel – nicht als Projekt der gesellschaftlichen Mitte, sondern als das ihres subkulturellen Randes. Derzeit ist es das queer-feministische Milieu mit seinem Gleichheits- und Nichtdiskriminierungsdogma, das den Ton angibt. Und der klappert umso schriller und autoritärer, je weniger er mehrheits- und konsensfähig ist:

„Es gibt eine Welt, in der eine Minderheit agiert und von der die Mehrheit nichts ahnt. Das ist die Welt der so genannten Netzfeministinnen. Es ist gar nicht so leicht, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Denn dort spricht frau in Dogmen und Rätseln, Sternchen und Unterstrichen. Die Sprache dieser Netzfeministinnen ist so normiert und spezialisiert, dass auch Akademikerinnen kaum folgen können. Es ist eine geschlossene und begrenzte Welt. Eine coole, hippe Welt. Doch die Regeln in dieser Welt sind uncool. 'Sprachverstöße' werden erbarmungslos geahndet. Wer Sprachverstöße 'bei anderen' auch nur ignoriert, wird zur 'Mittäter_in'. Artikel werden mit 'Triggerwarnungen' versehen, um die 'Leser_in' darauf vorzubereiten, dass es gleich um etwas Heikles geht, wie zum Beispiel eine V*rg*w*lt*g*ng. Manchmal wird 'Unangenehmes' auch gar nicht erst erwähnt – um den Vorfall nicht zu 'reproduzieren'.Vor allem, wenn es sich um 'Rassismen' gegen PoC bzw. WoC handelt (das ist die Abkürzung für 'People of Colour' bzw. 'Women of Colour'), also Menschen, die 'nicht-weiß' sind. Im Gegensatz zu 'weiß Positionierten'. Und weiß schreibt frau jetzt auch kursiv, 'da gesellschaftlich wirkungsvolle Kategorien beschrieben werden sollen und keine äußerlichen Zuschreibungen'.“

So beschreibt es die „EMMA“, das Zentralorgan von Alice Schwarzer, und – ich gebe es zu – , es ist ein merkwürdiges Gefühl, sich ausgerechnet dort mit Belegen zu versorgen. Aber es zeigt eben, dass PC nicht einmal innerhalb der feministischen Community konsensfähig ist.

Um so mehr frage ich mich (und Herrn Lafontaine), ob es nicht eher der von EMMA beschriebene Kontext ist, der eine größere ideelle Nähe zum KZ aufweist als die geschmähten Sekundärtugenden.