Martin Elsbroek
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Wortkunst


Nein, danke

© Martin Elsbroek  

Frieden schaffen ohne NATO-Waffen“ lautete zu Beginn der 80er Jahre die offizielle Losung der ehemaligen DDR zum Weltfrieden.

NATO-Waffen galten als aggressiv und  friedensgefährdend, die Panzer, Flugzeuge und Gewehre der Warschauer-Pakt-Truppen hingegen als harmlos und friedensstiftend. So primitiv war die Logik des Kalten Krieges.

Warum nur fühle ich mich am heutigen „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ - so der vollständige Titel – daran erinnert?

„Gewalt an Frauen“ geht ja gar nicht, so der Tenor.

Aber „Gewalt an Männern“ geht?

Gibt's nicht, lautet die knappe Antwort der feministischen Welterklärer*innen.

Schauen wir doch mal.

Zunächst einmal: Die Datenlage zum Problem Gewalt an Männern ist sehr viel dünner als zum Thema Gewalt an Frauen. Das ist der erste Hinweis darauf, dass dieses Problem nicht wahrgenommen wird. Hinweis Nr. 2.: Weiblichen Gewaltopfern stehen bundesweit 435 Frauenhäuser zur Verfügung, männlichen Gewaltopfern lediglich drei Männerhäuser. Schließlich: Wenn es in der Vergangenheit vereinzelte Veröffentlichungen über prügelnde Frauen gab, lautete die reflexhafte Erklärung, man dürfe das nicht überbewerten, die Frauen hätten sich schließlich nur gewehrt. Dass sich diese Kausalität auch umkehren lässt, sei nur am Rande vermerkt.

Was Gewalterfahrung generell angeht, trifft die vom Robert-Koch-Institut 2013 herausgegebene DEGS-Studie (Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland) folgende Aussage: „Die Prävalenz körperlicher Gewaltopfererfahrungen in den letzten 12 Monaten in der deutschen Erwachsenenbevölkerung von 18 bis 64 Jahren liegt insgesamt bei 4,8% ... Frauen gaben mit 3,3% signifikant seltener an, in den letzten 12 Monaten Opfer von körperlicher Gewalt gewesen zu sein als Männer (6,2%).“

Als Opfer von psychischer Gewalt erlebten sich in beiden Geschlechtern jeweils rd. 20% der Befragten.

Verengt man die Perspektive auf häusliche Gewalt/Partnergewalt, so sagt die DESG-Studie: „Laut Selbstauskunft gaben Frauen mit 1,2% geringfügig häufiger an, Opfer körperlicher Angriffe durch ihren Partner geworden zu sein, als Männer mit 0,9% ... Ebenso berichteten sie tendenziell häufiger von körperlichen Angriffen sonstiger Familienangehöriger (1,0 vs. 0,5%)...“

Soviel zu den Opfern. Nun zu den Tätern:

„Hinsichtlich der Ausübung körperlicher Partnergewalt“, schreiben die DESG-Forscher, „berichteten Frauen (1,3%) jedoch signifikant höhere Prävalenzen als Männer (0,3%). Frauen berichteten doppelt so häufig körperliche Gewaltausübung gegen sonstige Familienmitglieder (Frauen: 1,9 vs. Männer: 0,8%)...“

Diese Aussage finde ich erstaunlich. Denn die zuerst getroffene Aussage, dass 1,2% der befragten Frauen und 0,9% der befragten Männer angaben, in den letzten 12 Monaten Partnergewalt erlebt zu haben, müsste auf der Täterseite umgekehrt 1,2% Männer und 0,9% Frauen  erwarten lassen, heterosexuelle Partnerschaften vorausgesetzt. Das entspricht einem Verhältnis von Männern zu Frauen von 4:3;  die DESG-Studie sieht indes auf der Täterseite ein Verhältnis von 1:4.

Das Landeskriminalamt Berlin geht für das Delikt „Häusliche Gewalt/Partnergewalt“ in seinem Zuständigkeits-bereich von einem Anteil von knapp einem Viertel (23,8%) weiblicher Täter, entsprechend einem Verhältnis von 3:1, aus.

Über diese Ungereimtheiten lässt sich trefflich spekulieren; eine Vermutung besagt, dass Männer eher dazu neigen, erlittene Gewalt zu verharmlosen. Einerseits, weil die Erfahrung von Gewalt für sie generell präsenter ist (s.o.), während es andererseits für sie möglicherweise schambesetzt ist, zugeben zu müssen, von der eigenen Frau verdroschen zu werden.

Wie auch immer: Bis hierher lässt sich folgendes resümieren:

1.) Als Opfer von häuslicher Gewalt empfinden sich etwa 1% der Menschen, Frauen wie Männer.
2.) Als Täter kommen Frauen wie Männer vor, wenn auch überproportional letztere.

Kommen wir zur psychischen Gewalt.

Männliche Gewaltopfer berichten nicht nur von Gewalt gegen ihre körperliche Unversehrtheit (wobei man sich das nicht als Schlägerei oder offenen Schlagabtausch vorstellen darf, sondern eher als opportunistische Ausnutzung von Wehr- und Arglosigkeit, z.B. dem Fingerquetschen an Türen, dem Beinstellen oder dem Angriff auf Schlafende), sondern auch überproportional von psychischer Gewalt. Was männliche Täter offen gewalttätig austragen, scheint sich auf weiblicher Seite eher in verdeckten Formen der Aggression auszudrücken: Kontrolle, Beleidigung, Provokation, Intrige, Demütigung, Schikane und Drohung mit Kindesentzug werden von Betroffenen genannt.

Setzt man diese Liste einmal in Beziehung zur feministischen Strategie im Rahmen der Sexismus-Debatte, findet man darin einiges davon wieder. Eben auch das Abonnement auf jene Opferpose, die diesem „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ inhärent ist - denn andernfalls hieße er "Internationaler Tag gegen Gewalt". Basta.

Einen solchen hätte ich gern mitgetragen, aber so?

Frieden schaffen nur mit Genderwaffen?

Nein, danke.