Martin Elsbroek
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Wortkunst


Moderne Wiedertäuferinnen

© Martin Elsbroek

Wenn der Begriff „Kulturkampf“ fällt, assoziiert man spontan den Konflikt, den Reichskanzler Otto von Bismarck unmittelbar nach der Reichsgründung 1871 mit der katholischen Kirche austrug. Darin ging es um die Machtfrage: Wer bestimmt die Richtlinien? Kirche oder Staat?

Die Kirche war es über Jahrhunderte gewohnt, in allen Belangen die Richtung vorzugeben. Und sicher ist es kein Zufall, dass noch 1870 der Papst das Dogma seiner eigenen Unfehlbarkeit verkündete. Das war ein glasklar formulierter Machtanspruch, eine Kampfansage.

Die Ideen der Aufklärung bewirkten jedoch, dass dieser Anspruch immer mehr in Frage gestellt und später zurückgedrängt wurde; nicht zuletzt durch Otto von Bismarck, der die Trennung von Staat und Kirche durchsetzte. Der Vorgang ist bekannt als Säkularisierung.

Blitz und Donner

Dies im Hinterkopf, ist man heute, fast 150 Jahre später, bass erstaunt, folgenden Satz zu lesen: „Naturwissenschaft und Medizin haben eine ähnliche Funktion, wie die Theologie sie einst hatte.“ Man reibt sich die Augen.

Ist nicht die Biologie – neben der Physik und Chemie - ein Paradebeispiel für eine exakte Wissenschaft, die ihre Erkenntnisse induktiv durch Empirie gewinnt? Und vertritt nicht die Theologie den genau umgekehrten Ansatz? Nämlich den, aus unbewiesenen Lehrsätzen ein Weltbild zu deduzieren, welches der Realität nicht standhält und deshalb seit Jahrhunderten auf der Flucht ist? Und sind nicht die exakten Naturwissenschaften Kinder der Aufklärung, die uns Blitz und Donner rational erklären kann, statt von uns zu verlangen, in ihnen Wutausbrüche eines ungnädig gestimmten Gottes zu sehen?

Ist das ernst gemeint? 

Leider ja. Denn die oben zitierte Aussage ist eine Kopfgeburt der Gender Studies, die mit einem Maximum an Ressourcen-Input daran arbeiten, ihre Überzeugung zu unterfüttern, Geschlecht gebe es in Wirklichkeit gar nicht, das bildeten wir uns nur ein, und deshalb könnten wir selbiges kraft Einbildung auch – wenn gewünscht – täglich wechseln. Der Output an Erkenntnis strebt leider asymptotisch gegen Null, wobei das Adverb „leider“ nicht mein Bedauern über das Ergebnis, sondern über die unnütze Ressourcenvergeudung ausdrückt.

Schuhgröße und Haarfarbe

Die Kategorie Geschlecht wird u.a. mit dem Argument in Frage gestellt, sie sei willkürlich; genausogut könne man die Menschen nach ihrer Schuhgröße oder Haarfarbe kategorisieren.

Natürlich kann man das. Boutiquen beispielsweise sortieren ihre Kundschaft nach Kleidergröße, Schuhgeschäfte nach Schuhgröße und Friseursalons nach Haarfarbe. In Bezug auf diese sehr speziellen Zwecke besitzen Kleidergröße, Schuhgröße und Haarfarbe durchaus Relevanz. Damit hat es sich aber auch schon.

Außerdem bezeichnet jedes der genannten Merkmale ein Kontinuum. Das heißt beispielsweise für das Merkmal Haarfarbe, dass es wischen dem Pol „weißblond“ und dem Pol „schwarz“ jede nur denkbare Schattierung gibt.

Ausnahme bestätigt Regel

Geschlecht hingegen ist kein Kontinuum, sondern ein binäres Merkmal, es gibt nur Mann (XY) oder Frau (XX). Das heißt, mehr als 99,5 % aller Neugeborenen gehören einem dieser beiden Geschlechtstypen an; weniger als ein halbes Prozent aller Neugeborenen fällt aus diesem Raster heraus, indem es den Typen XXX, XXY, XYY oder X angehört. Darin nun einen Beweis zu sehen für die Untauglichkeit der Kategorie Geschlecht, ist allerdings verwegen; denn es handelt sich bei diesen Typen - anders als die Gender Studies uns weismachen wollen - um die Ergebnisse eines Systemfehlers: Alle Kopier- und Teilungsprozesse im Verlauf von Reifung und Befruchtung sind fehleranfällig. Es kommt gelegentlich zu Trisomien oder Monosomien wie dem Klinefelter-Syndrom (XXY), dem XYY-Syndrom, dem Turner-Syndrom (X), oder dem Triple-X-Syndrom. Es handelt sich also um Anomalien; als solche liegt ihre Häufigkeit im Rahmen der Mutationsrate; als solche bestätigen sie die Regel; sie widerlegen sie nicht.

Dass es sich tatsächlich um Anomalien handelt, wird des Weiteren belegt durch schwerwiegende Krankheitsbilder, die mit abweichender Chromosomenausstattung einhergehen: „Kleinwüchsigkeit, Sterilität, kein Einsetzen der Pubertät aufgrund von zu geringen Hormonspiegeln, Schwellungen, Nierenprobleme, Herzfehler, Änderungen des Skelettbaus, mentale Retardierung, Fehlbildungen der Genitalien, verstärkter oder verringerter Haarwuchs, Verhaltensstörungen etc. Zusätzlich entwickelt sich bei den Betroffenen ebenfalls mindestens einer der beiden Gametentypen und in besonderen Fällen der Intersexualität kann sich außerdem nicht funktionsfähiges Gewebe des anderen Geschlechtsorgans herausbilden.“ (Quelle)

Was ist die Regel?

An dieser Stelle wird üblicherweise das Argument in Stellung gebracht, der Befund der Geschlechts-Binarität sei ein Fall von "Heteronormativität" oder "Zwangszweigenderung", also eine willkürliche Setzung der heterosexuellen Mehrheit mit sozialem Geltungsanspruch. Das ist konsequent dekonstruktiv und realitätsfrei gedacht, liegt aber leider wieder neben der Sache. Denn als "normal" im erkenntnistheoretischen Sinne wird von uns Menschen diejenige Merkmalsausprägung wahrgenommen, die durchschnittlich am häufigsten vorkommt. Beispielsweise kommt die Körpergröße 167 cm bei Frauen und 180 cm bei Männern in Deutschland mit jeweils knapp 30% am häufigsten vor. (Die spannende Frage, wie die Gender Studies diesen empirischen Befund erklären, wenn nicht mit dem biologischen Geschlechterunterschied, lasse ich außen vor.) Betrachtet man alle Menschen, die von diesen Durchschnittswerten um bis zu 15 cm nach oben oder unten abweichen, so erfasst man nahezu 95% der Bevölkerung. Das wird von uns als "normal" empfunden. Jede größere Abweichung empfinden wir als zu klein oder zu groß, ohne dass damit eine Abwertung verbunden wäre. Abweichungen fallen uns lediglich deshalb ins Auge, weil wir an die Norm gewöhnt sind. Die Norm ist vollkommen frei vom Verdacht der Willkür oder gar Diskriminierung, wie er implizit im Begriff "Zwangszweigenderung" enthalten ist; sie erschafft sich durch Gewöhnung quasi selbst und beschreibt ganz nüchtern eine Information, die für das tägliche Leben insofern bedeutsam ist, als sie uns hilft, im  Dickicht des täglichen Entscheidungsnotstands - geschätzt etwa zwanzigtausend pro Tag sind zu fällen - Routinen auszubilden. In der Mehrheit unserer unbewusst getroffenen Entscheidungen folgen wir diesen Routinen und sind damit in aller Regel gut beraten. Nur dort, wo unsere Wahrnehmung eine Normabweichung feststellt, verlassen wir die Routinen und entscheiden nach Lage.

Form follows function

Entscheidend aber für die Konstitution der Kategorie Geschlecht ist ihre Relevanz, die sich aus ihrer Funktionalität erschließt. Wir Menschen - und nicht nur wir - reproduzieren uns über einen Mechanismus, der das Vorhandensein zweier unterschiedlicher Keimzelltypen voraussetzt. Den einen – das Ei – steuert der weibliche Geschlechtstyp bei, den anderen – das Spermium – der männliche. Unsere Existenz als  Individuen und als Spezies ist ganz elementar an diese Voraussetzung geknüpft; das heißt, es ist kaum ein Merkmal denkbar, das eine ähnlich umfassende Relevanz für uns besäße wie das Geschlecht. Übrigens gilt das auch und besonders für die Motivierung unseres Fühlens, Denkens und Handelns, was in seiner ganzen Bedeutung Sigmund Freud erkannt hat. Das zu leugnen widerspricht jeder Vernunft.

Dennoch tun all die Wiedertäuferinnen des Genderglaubens, all die Allmendingers, Butlers, Harks, Hornscheidts und Villas, genau das, indem sie die Mann-Frau-Binarität als "Heteronormativität" oder  "Zwangszweigenderung" geißeln und das nahe Ende der exakten Wissenschaften verkünden. Was sie im Übrigen nicht davon abhält, sich die Idee der Gender-Medizin zu eigen zu machen; die - absolut zutreffende - Erkenntnis nämlich, dass ein- und dieselbe Erkrankung bei einer Frau oft einer anderen Therapie und Medikation bedarf als das bei einem Mann der Fall wäre - und zwar aufgrund des (zuvor geleugneten) Geschlechtsunterschieds. Aber trotz des irreführenden Namens - daran ist nämlich nichts "Gender", aber alles "bio" - handelt es sich bei der Gender-Medizin nicht um die Erkenntnis der Gender Studies, sondern um die einer exakten Naturwissenschaft.

Zurück ins Mittelalter

Denn konsequenterweise kann eine Weltauffassung, die den gesellschaftlichen Diskurs mit all seinen Begrifflichkeiten durch keinerlei Natur oder sonstige Realität hinterlegt sieht, es nur für eine Zumutung halten, sich mit diesen überhaupt zu befassen. Letztlich hieße das nämlich, sie anzuerkennen. Dies ist ein Grund dafür, dass die Gender Studies die Empirie fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Ein weiterer ist strategischer Natur: Die größte Gefahr, nämlich die, durch Fakten widerlegt zu werden, droht dem Genderglauben seitens der Naturwissenschaften. Deshalb enthält er Theorieelemente, mit denen er sich vorbeugend gegen diese Gefahr immunisiert. So, wie die katholische Glaubenslehre für Zweifler die Hölle bereithält und der Kommunismus den Gulag, so erklären die Gender Studies naturwissenschaftliche Argumente postfaktisch und beweisfrei zum irrelevanten "Biologismus" und ihre Urheber zu rückwärtsgewandten Deppen.

Wenn ein theoretisches Konstrukt sich aufgrund seiner logischen Struktur nicht widerlegen lässt, liegt ein klassischer Fall von Selbstreferenz vor. Aber aus demselben Grund lässt es sich eben auch nicht beweisen. Das ist ein sicheres Merkmal von Ideologie.

Ihre eigenen Geistesanstrengungen richten die Gender Studies folgerichtig darauf, Diskursbeiträge Dritter historisch zu dekonstruieren und politisch zu korrigieren; sie maßen sich also an, zu definieren, was Dritte mit ihren Äußerungen in Wirklichkeit meinten, aber eben nicht sagten. Und sie leiten daraus das Recht her, Dritten die vermeintlich korrekte Art des Denkens und Sprechens vorzuschreiben. Das steht der Spitzfindigkeit, moralischen Bevormundung und inquisitorischen Übergriffigkeit mittelalterlicher Theologie in nichts nach. "Das Fach bildet nicht zur Problemlösung aus, sondern vorrangig zum Beanstanden des Sprechens Dritter über etwas. Unmittelbares Resultat sind überproportional viele Dissertationen, die lediglich damit befasst sind, wie etwas medial dargestellt oder wissenschaftlich verhandelt wird", schreibt Vojin Sasa Vukadinovic. Und weiter: "Was daraus folgt, ist vorrangig ein (Ver-)Urteilen um der Rüge, nicht um der Erkenntnis wegen."

All das trägt in der Tat alle Züge eines Kulturkampfs, das ist eine Kampfansage wie weiland die des Papstes. Hier geht es nicht um Emanzipation, also den "Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit", sondern um das glatte Gegenteil: die Rückkehr zu mittelalterlichem Dogmatismus.

Sapere aude!

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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Text der Woche

Nr. 3/2018:

"herz wie hose"