Martin Elsbroek
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Wortkunst


Louis de Funès weiß Rat

© Martin Elsbroek



Die „documenta 14“, die 2017 in Kassel (und Athen) gezeigt wurde, bekam durchweg eine schlechte Presse. Sie sei „krachend gescheitert“, bilanzierte nicht nur die Neue Zürcher Zeitung, sondern auch DIE ZEIT; der SPIEGEL nennt sie „missraten“.

Kitsch statt Kunst

Derlei Kritik zielt unisono auf das Konzept des Kurators Adam Szymczyk, der seine Schau nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten, sondern nach solchen der Politischen Korrektheit zusammenstellte, also dem Prinzip der Parteinahme für alles und jede(n) ungerecht Behandelte(n). Hanno Rauterberg schreibt, die documenta 14 wolle „...keine ästhetischen Standards definieren. Stattdessen errichtet sie Reservate: je eins für vergessene Künstlerinnen, für den Maler ohne Arme und mit gewandeltem Geschlecht, für den enteigneten Aborigine oder den gebeutelten Rentierzüchter. Wo aber das Prinzip der Positivdiskriminierung dafür sorgt, dass nichts wichtiger als das andere genommen wird, weil man ja gegen Hierarchien und Ausschlüsse ist, da bleibt doch eines ausgesperrt: Spannung.“

Den meisten Exponaten dieser Weltkunstausstellung stand nämlich die intendierte Aussage förmlich auf den Leib geschrieben. Wo aber einem Kunstwerk die Redundanz und damit dem Betrachter die Mühe genommen wird, demselben gegen seinen Widerstand Bedeutung abzugewinnen, da verliert es seinen künstlerischen Rang und sinkt herab zu Kitsch.

Auf die Abschussliste

Wo solche Kunstauffassung blüht, verwundert es kaum, dass Studenten erfolgreich die Entfernung eines Gedichts von der Fassade ihrer Hochschule verlangen mit der Begründung, es sei sexistisch. Es repräsentiere den „männlichen Blick“, der Frauen zu Objekten mache. Kein Wort mehr davon, dass dieselbe Hochschule sieben Jahre zuvor den Autor dieses Gedichts mit ihrem Poetik-Preis geehrt hat. Laut Ausschreibungstext wird dieser an Künstler vergeben, „... die durch ihre besondere Formensprache und Vielfalt zur Weiterentwicklung der literarischen, visuellen sowie akustischen Künste beitragen und dabei immer interdisziplinär arbeiten und wirken.“

Diese irrwitzige Episode zeigt, dass moralische Empörung mit ihrem konkreten Anlass so gut wie nichts, mit dem herrschenden Zeitgeist aber fast alles zu tun hat. Die Sexismus-Hysterie sorgt binnen kurzem für die gesellschaftliche Ächtung eines zuvor Gefeierten, ohne dass sich in der Sache etwas geändert hätte. Und damit meine ich nicht Harvey Weinstein, sondern den mittlerweile 93jährigen Eugen Gomringer, dem nichts weiter vorzuwerfen ist, als vor nahezu siebzig Jahren unter dem unmittelbaren Eindruck eines Barcelona-Aufenthalts das Gedicht „avenidas“ verfasst zu haben. Dass der Sexismusvorwurf dennoch beide gleichermaßen trifft, Weinstein wie Gomringer, halte ich für eine unglaubliche Beleidigung des letzteren. Und dass dieser Vorwurf nicht differenziert zwischen der Bewunderung für Frauen und deren brutaler Unterwerfung, ist für mich der eigentliche Skandal.

„Das alles“, schreibt Harald Martenstein, „erinnert an Sowjetunion - Filme werden umgeschnitten, Archive werden gesäubert, ... Ergebenheitsadressen werden gefordert, Fotos werden retuschiert. Denunziation, Angst und Verdacht regieren. Wer nicht mitmacht, kommt selbst auf die Abschussliste. Man wird nicht eingesperrt, das stimmt, man wird nur zur Unperson. Mit den Ideen der Aufklärung, zum Beispiel Menschlichkeit und Freiheit, hat das nichts mehr zu tun.“

Ist der Blick oder die Sache unrein?

Die Episode zeigt ferner die Geschichtsvergessenheit eines gesellschaftlichen Milieus, das sein eigenes Geschmacks- und Moralurteil verabsolutiert und sich von der Vorstellung freimacht, spätere Zeiten und Menschen könnten je zu einem anderen kommen. Als markiere ausgerechnet der heutige Bewusstseinsstand das Ende der Geschichte.

Und letztlich zeigt sie die gouvernantenhafte Übergriffigkeit dieses Milieus, das uns zu entmündigen sucht, indem es sich die Entscheidung darüber anmaßt, was uns an Kunst im öffentlichen Raum zuzumuten ist und was nicht.

Es wird schon zutreffen, dass „avenidas“ sich dem männlichen Blick des damals 26jährigen Eugen Gomringer verdankt. Und warum auch nicht? „Wer ... über das Verhältnis von Männern und Frauen reden will, kann über Sexualität, Eros, Leidenschaften, auch die dunklen, nicht schweigen. Dort beginnt, in jedem Menschen, unkartiertes Gelände, also die Domäne der Kunst, die nicht nach Korrektheit fragt...“ (Quelle) Einen geschlechtsneutralen Blick gibt es folglich nicht, und auf die Frage, warum der feministische Blick so rein sein sollte wie der „männliche“ unrein, fällt mir nur eine Antwort ein: So etwas wisse ganz genau immer nur die moralische Avantgarde, wie Elke Schmitter schreibt.

Schweres Dilemma

Manchmal bringt sich die Avantgarde damit allerdings in schwer lösbare Dilemmata: Im Sommer 2016 zum Beispiel sah man französische Polizisten an einem Strand der Côte d'Azur eine muslimische Frau zur Ordnung rufen, die es gewagt hatte, in einem sogenannten Burkini, einem Ganzkörperbadeanzug, schwimmen zu gehen. Das war den Gesinnungsbademeistern eindeutig zuviel Stoff. Und das ausgerechnet an einem Ort, wo fünfzig Jahre zuvor Louis de Funès als Gendarm von St. Tropez in gegenteiliger Mission unterwegs war: Im heroischen Kampf gegen das Nacktbaden nämlich. Das Problem: Nacktbaden ist bäh, weil es den männlichen Blick bedient. Burkini ist bäh, weil Ausdruck weiblicher Unterdrückung im Islam.

Was also tun? Ganz einfach: Louis de Funès weiß Rat.