Martin Elsbroek
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Wortkunst


 Lesenswert und entspannt

© Martin Elsbroek


Die Lektüre des nur 45 Seiten starken Bändchens „Die potente Frau“ beginnt mit der ebenso überraschenden wie wohltuenden Erfahrung, dass auch Texte zum Geschlechterverhältnis ohne jenen krawalligen, verbissenen und destruktiven Gestus anklagender Moral auskommen können, den man vor allem aus der Gender-Ecke kennt.

Svenja Flaßpöhler, promovierte Philosophin und Chefredakteurin der Zeitschrift „Philosophie Magazin“, hat es mit dem Anspruch verfasst, dem regressiven Verharren des Hashtag-Feminismus im Opfermodus ein Konzept selbstbestimmter Weiblichkeit entgegenzusetzen.

"Im Grunde ist der Mann ein Tier"

An den Beginn ihres Textes stellt sie eine kritische Bestandsaufnahme des, wie sie ihn nennt, Hashtag-Feminismus, dem sie ins Stammbuch schreibt, es seien gerade „...Initiativen wie #aufschrei, #neinheißtnein und #metoo, die, trotz allen emanzipatorischen Willens, patriarchale Denkmuster blindlings wiederholen und damit eben jene Wirklichkeit festschreiben, die sie beklagen.“ (S. 9)

Entschieden kritisiert sie, „...wenn Frauen sich jener Machtmethode bedienen, unter der sie selbst Jahrhunderte lang gelitten haben: einer radikalen Verdinglichung, einer Degradierung zum bloßen Objekt, einer Reduzierung des Anderen auf seine vermeintlich triebgesteuerte Natur. #metoo zeichnet ein klares Bild des Mannes: […] Im Grunde ist der Mann … ein Tier, dem nur durch schärfere Gesetze Einhalt geboten werden kann...“ (S. 17)

„Es wäre an der Zeit“, schreibt Flaßpöhler, „dass an die Stelle dieser tieftraurigen Verteidigung des Eigenen ein wechselseitiges Erkennen, eine absolute Hinwendung zum Anderen träte. Wir brauchen zwei potente Geschlechter, die sich in der Fülle begegnen. Denn um wie viel reicher wäre eine Kultur, der eine Gleichberechtigung auch im Sexuellen gelänge?“ (S. 22)

"Du musst dein Begehren ändern!"

Dieser Diagnose schließt sie die Frage an nach den Gründen für die Verzagtheit des gegenwärtigen feministischen Diskurses, dem jedes wahrhaft emanzipatorische Potenzial fehle. Die Antwort sieht sie im dekonstruktiven Denkansatz des Gender-Feminismus, der die Bipolarität der biologischen Geschlechter in Abrede stellt und einer „queeren Körperinszenierung“ jenseits tradierter Geschlechternormen das Wort redet.

Über ihre eigene Zeit in den 90ern schreibt sie: „...je mehr ich mich mit Judith Butler beschäftigte, desto mehr meinte ich zu sehen, dass eine wahrhaft emanzipatorische Befreiung nur in einer homosexuellen Lebensform bestehen könne. Ich … zog den mir einzig naheliegenden Schluss: Du musst dein Begehren ändern. Und eine Frau finden. Trotz beherzter Versuche misslang beides.“ (S. 32 f.)

Mit der Erfahrung, dass sich weder menschliches Begehren ändern lässt noch der Leib grenzenlos  flexibel ist (S. 37), geht sie deshalb hinter Judith Butler zurück und folgt  Simone de Beauvoir, die zwar ebenfalls behauptete, man werde als Frau nicht geboren, sondern dazu gemacht; die aber dennoch die biologische Zweigeschlechtlichkeit nicht in Zweifel zog. Heute ist Flaßpöhler überzeugt, dass die Leugnung von Heterosexualität durch den Gender-Feminismus jeder autonomen Geschlechtsposition, besonders der weiblichen, die Grundlage entzieht: „Eine emanzipierte Frau ist nicht notwendigerweise queer oder lesbisch. Vielmehr birgt die Gleichsetzung von Homosexualität und Emanzipation ihrerseits einen Ausschlussmechanismus, den der dekonstruktive Feminismus doch gerade verhindern will.“ (S. 38)

Das Gefühl, in einer bestimmten Haut zu stecken

Flaßpöhler setzt zur Entwicklung ihrer Idee von „weiblicher Potenz“ deshalb auf die Unterscheidung zwischen „Körper“ und „Leib“: „Der Körper ist … das, was wir von außen beobachten können. Er lässt sich einordnen, messen, medikamentieren, heilen. Der Leib hingegen ist das, was wir von innen wahrnehmen. Er bezeichnet das subjektive Gefühl, in einer ganz bestimmten Haut zu stecken.“ (S. 35)

Und weiter: „Was Männlichkeit und Weiblichkeit unterscheidet, ist die unbestreitbare Exklusivität ganz bestimmter, leiblich gebundener Erfahrungen sowie die faktische Unmöglichkeit, sich den Erfahrungsraum des jeweils anderen Geschlechts vollständig zu erschließen […] Nur wenn Männer und Frauen sich diese Frage gegenseitig stellen und um wechselseitiges Verständnis bemüht sind, kann ihr Verhältnis gelingen.“ (S. 37)

„Anstatt den Mann zu kastrieren, muss die Frau selbst in die Potenz finden: Aktion statt Reaktion. Positivität statt Negativität. Fülle statt Mangel. […] Anstatt die männliche Sexualität zu entwerten, wertet sie ihre eigene auf. Anstatt den Mann für seinen Willen zu hassen, befreit sie den ihren aus der jahrhundertelangen Latenz.“ (S. 44)

Ein lesenswertes Buch. Und ein entspanntes dazu.

Svenja Flaßpöhler: Die potente Frau. Berlin 2018, Ullstein. 8.- €