Martin Elsbroek
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Wortkunst


Die ZEIT Nr. 23/2018 erschien unter dem Titel "Droht uns die Sprachzensur"? Mit "Nein!" beantwortete Marie Schmidt diese Frage, mit "Ja!" Ulrich Greiner. Auf den Text von Frau Schmidt habe ich mit einem Leserbrief folgenden Wortlauts geantwortet.

Sehr geehrte Frau Schmidt,

(C) Martin Elsbroek

    

kurz noch was anderes, bevor ich anfange: In ihrem Autorenprofil ist zu lesen, Sie seien an der Deutschen Journalistenschule ausgebildet worden. Warum nur ist Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, dass es gerechter wäre, Deutsche Journalistinnen- und Journalistenschule oder Deutsche Journalist*innenschule zu schreiben?

Ich sag's Ihnen: Weil auch Sie in einem Sprachgebrauch sozialisiert wurden, in dem der Kontext darüber entscheidet, ob Frauen mitgemeint sind oder nicht. Dieser Sprachgebrauch ist Ihnen - wie jedem anderen Sprachteilnehmer auch - in Fleisch und Blut übergegangen und deshalb verstehen sie das generische Maskulinum situativ und intuitiv völlig richtig. Deshalb fällt Ihnen auch Ihre eigene Kontext-Argumentation auf die Füße. Ich komme darauf zurück.

Im Untertitel Ihres Textes schreiben Sie: "Unser Deutsch ist ungerecht und ungenau." Finden Sie diesen Zugang für eine wissenschaftlich ausgebildete Linguistin nicht merkwürdig? 
Dass unser Deutsch unscharf und redundant ist, würde ich ja noch unterschreiben, aber das a) gilt für jede Sprache, ist also nichts Neues, und b) ist überdies die Voraussetzung für gelingende Kommunikation. Hartmut von Hentig schreibt: "Die Unschärfe der Äußerung wird vom Gesprächspartner wenn nicht 'gewusst', so doch immer für möglich gehalten: Er fragt nach, ich gebe eine präzisere Auskunft oder bestätige die Unklarheit; dies regt Zweifel in mir an; und am Ende verstehe ich auch selber besser, was ich sagen wollte. So kreisen wir die Sache mit der Sprache ein, machen aus Widerfahrnis Erfahrung, aus Erfahrung gemeinsame Erfahrung, also Wissen. Dies ist das Grundgesetz unserer Geisteskultur." (Hentig, Hartmut von: Der technischen Zivilisation gewachsen bleiben. Weinheim und Basel, 2002, Beltz. S.72)
Dass unser Deutsch ungerecht sei, halte ich hingegen für eine unwissenschaftliche Aussage. Denn damit verlassen Sie die Perspektive einer deskriptiven und analytischen Betrachtung zugunsten einer normativen. Erstens: Was ist schon gerecht? Zweitens: Wie können Sie sicher sein, dass die Kriterien für Ihr Verständnis von "gerecht" morgen noch gelten? Müsste dann nicht in jeder Generation neu "gegendert" werden?
Fakt ist: Sprache ist weder gerecht noch ungerecht, weder moralisch noch unmoralisch. Sprache ist. Und sie entwickelt sich. Und zwar nicht gerichtet, nicht einsinnig, sondern spontan. Mehr nicht.
   

Zurück zu Ihrem Text.  Sie beginnen ihn mit einem, wie Sie es nennen, "Gedankenexperiment". Sie wissen so gut wie ich, dass die Linguistik ihre Textkorpora aus realen Kommunikationen schöpft. Sie hingegen konstruieren eines. Völlig unnötigerweise spicken Sie es mit einem Demonstrativpronomen ("der"), damit der Leser auch wirklich in die Ecke läuft, in der Sie ihn haben wollen. So kommt am Ende auch wirklich der "Beleg" heraus, den Sie brauchen. Halten Sie das für eine lautere Argumentation? Ist das seriöser Journalismus? Die Wahrheit ist: Ein derart manipulativer Text würde so nirgends erscheinen und ist auch nirgends erschienen. Sie haben ihn gefaked.   

Sie schreiben, es sei nachgewiesen, dass Sprache nicht generisch funktioniere, verheimlichen uns aber Ihre Quelle. Sei's drum. Dann schreiben Sie: "Das grammatische Geschlecht wirkt sogar stärker als das soziale Stereotyp" und versuchen das am Beispiel der Berufsbezeichnung "Kosmetiker" zu belegen.
Und jetzt kommt's richtig dicke: "Auch diesen Begriff verstanden Deutschsprachige zuerst als 'Männer'. Englischsprachige assoziierten mit 'beauticians' dem Vorurteil gemäß Frauen, da es im Englischen kein grammatisches Geschlecht gibt."
Zunächst einmal: Auch im Englischen gibt es ein (stets mitgedachtes) grammatisches Geschlecht. Die Personalpronomina "it", "she" und "he" belegen das. Zweitens: Im Englischen bezieht sich die Berufsbezeichnung "beautician" gleichermaßen auf weibliche wie männliche Angehörige dieses Berufs. Daher ist es nur folgerichtig, wenn englische Muttersprachler damit die Kosmetikerin assoziieren, wo doch dieser Beruf weit überwiegend von Frauen ausgeübt wird.
Wenn es jedoch, wie im Deutschen, für diesen Beruf eine weibliche (Kosmetikerin) und eine männliche Bezeichnung (Kosmetiker) gibt, und es wird Probanden nur die männliche Form genannt, dann ist es ebenso folgerichtig, dass damit Männer assoziiert werden. Ihr "Beleg" beweist außer Ihrem tendenziösen "Erkenntnis"interesse gerade das Gegenteil dessen, was Sie zu insinuieren beabsichtigen.
Vielleicht führen Sie dieselbe Befragung noch einmal durch, aber diesmal mit Begriffen wie: Teilnehmer, Mitglied, Kunde, Besucher, Käufer, Einwohner - und, ja: Journalist. Und Sie werden sich wundern, wie gut das generische Maskulinum funktioniert.
   

Noch einmal: Ist das seriöser Journalismus? Mitnichten. Sie argumentieren und agitieren ideologisch. Diese ideologische Attitüde fehlt dem Paralleltext von Herrn Greiner hingegen völlig, aber dafür wissen Sie sicherlich bereits den Grund: Er ist - wie ich übrigens auch - ein alter weißer Mann. Zugleich legt er den Finger in Ihre Wunde, wenn er schreibt: "Im deutschen Sprachraum gibt es 200 Gender-Professuren. Was dort geforscht und gelehrt wird, will ans Licht der Öffentlichkeit, will wirken und die sexistische Welt korrigieren."
„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten“, befand Hanns-Joachim Friedrichs, eine Ikone des deutschen Journalismus - aber leider auch ein alter weißer Mann.
   

Wenn Ihnen die  Deutsche Journalist*innenschule diesen Satz vorenthalten hat, sollten Sie vielleicht Schadensersatz verlangen.