Martin Elsbroek
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Wortkunst


Ist Herr Weisbrod noch Jungfrau?

© Martin Elsbroek


Als ich meinen bisher letzten Blog-Eintrag verfasste und den Satz niederschrieb, dass die Sehnsucht nach Gleichheit dem naiven Unvermögen entspringe, Differenz als Merkmal menschlichen Daseins zu akzeptieren und auszuhalten, da kannte ich noch nicht den klugen Text des Münsteraner Arabisten und Islamforschers Thomas Bauer über „Die Vereindeutigung der Welt“.

Bauers Gedankengang beginnt bei der vordergründig widersprüchlichen Beobachtung, dass Religion immer mehr Menschen gleichgültig wird, zugleich aber die Tendenz zu fundamentalistischen Glaubensauffassungen zunimmt.

Was wie ein Widerspruch aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen allerdings als Verhaltensalternative in Bezug auf ein und dasselbe Problem.

Bauers zentraler Begriff zu seiner Beschreibung lautet „Ambiguität“. Ambiguität bedeutet Unbestimmtheit oder Mehrdeutigkeit. Und genau so ist unsere Welt beschaffen: uneindeutig nämlich, widersprüchlich und inkohärent.  „Menschen sind ständig Eindrücken ausgesetzt, die unterschiedliche Interpretationen zulassen, unklar erscheinen, keinen eindeutigen Sinn ergeben, sich zu widersprechen scheinen, widersprüchliche Gefühle auslösen, widersprüchliche Handlungen nahezulegen scheinen.“ Die Welt an sich ist ambig. Dies gilt für einige Lebensbereiche mehr, nämlich die Religion und die Kunst, weshalb Bauer zunächst dort ansetzt. Weniger gilt es für andere Lebensbereiche, Technik und Digitalisierung beispielsweise schränken Ambiguität tendenziell ein.

Mehrdeutigkeit verunsichert

Ambiguität in der Außenwelt aber erzeugt Ambivalenz im psychischen Erleben, und die wird als unangenehm empfunden, weil sie verunsichert. Wie soll ich mich entscheiden, wenn zwei Seelen in meiner Brust wohnen? Grundsätzlich neigt der Mensch folglich zur Ambiguitätsintoleranz. Er zeigt sich empfänglich für Strategien, der Ambiguität auszuweichen.

Davon gibt es genau zwei: Nämlich den Weg in die Gleichgültigkeit – man erklärt Ambiguität, beispielsweise Glaubenswidersprüche und -zweifel, für die eigene Person als bedeutungslos – oder den in die Eindeutigkeit, und damit in den Fundamentalismus, der jeden Zweifel beseitigt, weil er auf jede Frage eine Antwort verspricht.

Abhilfe durch Eindeutigkeit

Bauer zufolge wird Fundamentalismus durch drei Merkmale konstituiert:

  • Wahrheit
    „Wer Eindeutigkeit erstrebt, wird darauf beharren, dass es stets nur eine einzige Wahrheit geben kann und dass diese Wahrheit auch eindeutig erkennbar ist. Eine perspektivische und damit nichteindeutige Sichtweise auf die Welt wird abgelehnt.“

  • Geschichtslosigkeit
    „Wenn es nur eine einzige Wahrheit gibt, dann muss diese auch überzeitlich gültig sein. Hat man zu bestimmten Zeiten bestimmte Dinge anders gesehen und anders interpretiert, können diese Sichtweisen … nur falsch sein, weil es anderenfalls ja mehrere Wahrheiten geben müsste.“

  • Reinheit
    „Nur dann, wenn etwas rein ist, kann es eindeutig sein. Sobald etwas Anderes, Fremdartiges dazukommt, werden Erklärungen nötig. […] Alles, was interpretiert und gedeutet werden muss, ist nicht mehr rein.“

„Diese Überlegungen“, schreibt Thomas Bauer am Ende seines dritten Kapitels, „auf weitere Lebensbereiche zu übertragen, etwa von der zunehmend identitären Esskultur über Lebensstil und Mode bis hin zu Literatur und Wissenschaft, sei dem Leser überlassen.“

Nun denn:

Dass es aktuell zuhauf Diskurse gibt, die mithilfe o.g. Kriterien identifiziert werden können, muss nicht eigens nachgewiesen werden. Ein Blick in die Kommentarfunktionen des Internets reicht. Jeder Shitstorm, jede Schmähung, jede Beleidigung ist verfasst im Duktus überlegenen Wahrheitsbesitzes.

Auf der Weltbühne sind es aktuell die breitbeinigen Despoten Trump, Putin, Erdogan, Orban und andere, die die reine, ahistorische Wahrheit für sich beanspruchen und alles Widersprüchliche als Fake News wegätzen.

Eine Ebene darunter finden wir ideologisch grundierte Diskurse über politisch korrektes Sprechen, Ökologie, Vegetarismus, Veganismus, Migration und Feminismus – um nur die wichtigsten zu nennen – die absolut und apodiktisch daherkommen.

Ich greife hier den radikalfeministischen Genderdiskurs heraus, zunächst, sofern er die Sprachgenderung betrifft.

Diese wird stets mit dem Argument verlangt, unsere Sprache bilde, indem sie das  generische Maskulinum verwende, patriarchale Gesellschaftsstrukturen ab und verschaffe den Männern damit einen unangemessenen Vorteil. Frauen kämen im Sprachgebrauch nicht vor, und solange das so sei, könne von Gleichberechtigung wohl kaum die Rede sein.

Sprachgenderung ist fundamentalistisch

Wahrheitskriterium
Dem ist seitens der Linguistik schon mit vielen klugen, substantiellen Argumenten widersprochen worden, die hier zu referieren ich mir sparen kann, denn auf sie kommt es, wie sich gezeigt hat, gar nicht an.  Sondern auf den sozialen Sprechort des Widersprechenden.

Äußert sich nämlich eine Frau (gender)kritisch, so wird dies als Verrat am Feminismus wahrgenommen und entsprechend ignoriert. Äußert sich hingegen ein Mann (gender)kritisch, so wird ihm unfehlbar vorgeworfen, sein Beitrag sei geheuchelt, denn in Wahrheit habe er lediglich den Erhalt seiner sozialen Privilegien im Auge. Widerspruch ist, wie man sieht, nicht vorgesehen, das Wahrheitsmonopol liegt bei den Gender Studies. Wohl aus diesem Grunde befindet Vojin Sasa Vukadinovic, selbst Absolvent der Gender Studies: „Das Fach bildet nicht zur Problemlösung aus, sondern vorrangig zum Beanstanden des Sprechens Dritter über etwas.“

Geschichtslosigkeits-Kriterium
Wenn gegen das radikale Umkrempeln von Sprache zu Genderzwecken eingewandt wird, dass Sprache eine lange, Jahrtausende währende Entwicklung durchlaufen habe, deren Spuren im aktuell verwendeten Sprachgebrauch konserviert seien, im Falle einer radikalen Sprachgenderung jedoch ausgelöscht würden, so wird das achselzuckend in Kauf genommen. Wer sich im Besitz der letztgültigen Wahrheit wähnt, kann es sich eben leisten, zehntausend Jahre Ideen- und Entwicklungsgeschichte in die Tonne zu treten, und alles, was nach ihm noch kommen wird, von vornherein zum Irrtum zu erklären.

Reinheitskriterium
Aus demselben Grund wird er sich weder auf Diskurse resp. Kompromisse einlassen noch auf die weitere Evolution von Sprache setzen. Denn wer so denkt, folgt der Logik des Alles oder Nichts. Unter der Revolution tut er's nicht. Und deren Notwendigkeit begründet er mit der Behauptung, Sprache forme Bewusstsein, und deshalb müsse man zunächst die Sprache ändern, damit sich die Dinge änderten. Von der revolutionären Militanz solcher Sprachreiniger bekommt man einen Eindruck bei der Lektüre von „xartsplitta.net“, wo Vorschläge zu subversiven Interventionen gegen nicht-gendergerechte Sprache gemacht werden.

Nur: So funktioniert Sprache nicht, so hat sie nie funktioniert. Sprache evoluiert nachhaltig nur spontan durch Volkes Maul. Sprachregelungen von oben, ideologisch motivierte zumal, haben sich in der Menschheitsgeschichte nie je durchgesetzt, geschweige denn irgendetwas verändert. Aber es sei drum:  Jeder Kompromiss, jede Abweichung von der reinen Lehre würde von den Sprachgenderisten als Aufweichung ihres Anliegens wahrgenommen und deshalb abgelehnt werden.

Anhand dieses Beispiels fällt auf, dass die Strategie der Vereindeutigung identisch ist mit dem ideologischen Sektierertum, mit dem sich in den Siebzigern kleine und kleinste K-Gruppen bis aufs Messer um die reine Lehre zankten, obwohl sie lediglich wenige Millimeter auseinander lagen. Ähnliches findet in der queeren Szene aktuell statt, wie das Buch „Beissreflexe“ zeigt.

Abhilfe durch Gleichgültigkeit

Die gegenteilige Strategie, die der Gleichgültigkeit, benutzen die Genderfeministinnen übrigens, wenn es um die Definition von Geschlecht geht. Auch wenn es so scheint, als erhöhe sich die Zahl und mit ihr die Vielfalt der Geschlechter von Woche zu Woche, so lehrt ein Blick auf die Begrifflichkeiten das Gegenteil. Dass es auf der Welt zwei Geschlechter gebe, wird von den Damen nämlich vehement bestritten und als „Zwangszweigenderung“ (Zwangs-zwei-genderung; auch: Zwangs2genderung) oder „Heteronormativität“ gegeißelt. Mann und Frau seien, so behaupten sie, lediglich die beiden Pole eines Geschlechtskontinuums, zwischen denen es zwar graduelle Unterschiede in der Geschlechtsausprägung gebe, aber eben keine kategorialen. Was als LGBTQIA (Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer, Intersexual, Asexual) daherkommt,  erweist sich am Ende also als nur graduelle Abschattung ein und derselben Kategorie. Und wenn auf diese Weise die Binarität des Geschlechtsbegriff aus der Welt ist, wenn es kein Entweder-Oder mehr gibt, dann gehören wir alle demselben Geschlecht an, dann verlieren Geschlechtsunterschiede an Bedeutung, dann sind wir alle Conchita Wurst.

Auch so kann man der Ambiguität entkommen.

Ist Herr Weisbrod Jungfrau?

Auch die #MeToo-Kampagne lässt sich anhand der Merkmale Wahrheit, Geschichtslosigkeit und Reinheit als fundamentalistisch identifizieren: Was wahr ist, entscheiden die – vermeintlichen oder tatsächlichen - „Opfer“. (Vor dem Hintergrund der causae Arnold, Kachelmann und Lohfink ist die Parenthese mehr als legitim, verehrte Schwestern!) Als solche fühlen sie sich berechtigt, die Aufhebung nicht nur der Unschuldsvermutung, sondern auch der Gewaltenteilung zu verlangen, mithin zweier Rechtsstaatsprinzipien, erkämpft in der langen Entwicklungsgeschichte des Rechts. Sie maßen sich an, Kläger, Richter und Vollstrecker in Personalunion zu sein: "Bildet Banden, macht sie platt, Macker gibt's in jeder Stadt!" (hier) und (hier)

Einen grundsätzlichen Unterschied zum Anspruch des IS  kann ich da nicht mehr entdecken.

Einen so amüsanten wie naiven Gedanken zur Austreibung von Ambiguität trug der Journalist Lars Weisbrod in der ZEIT 44/2017 bei, indem er forderte, vor jedem Sex einen schriftlichen Vertrag zu schließen, in dem das grundsätzliche Einverständnis zum Sex von beiden Partnern erklärt und zugleich ein Tableau der erlaubten Sexpraktiken verabredet werde.

Das wäre in der Tat das ultimative Mittel, der Menschheit Flirt, Erotik und Sex gleich ganz abzugewöhnen. Ob Herr Weisbrod wohl noch Jungfrau ist?