Martin Elsbroek
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Wortkunst


Is' ja für'n guten Zweck

© Martin Elsbroek

In der 1980 erschienen Druckfassung seiner Frankfurter Poetik-Vorlesungen berichtet Uwe Johnson von den Schwierigkeiten, 1952 in der DDR als junger Mann zum Studium zugelassen zu werden:

Der Sohn eines Angestellten beim Tierzuchtamt der Hitlerregierung gilt als 'bürgerlich', wie immer tot sein Vater auch sei. Die Menge der 'bürgerlichen Elemente' auf den Universitäten soll beschnitten werden. Solange die Mutter Uniformen schneidert für die Stadtkommandantur der Roten Armee, wird sie bezeichnet als eine Angestellte, mithin ihr Sohn als bürgerlich. Auch wenn sie arbeitet als Schaffnerin in Personenzügen der Deutschen Reichsbahn, bleibt sie eine Angestellte. Entschließt sie sich dazu, bei der Reichsbahn Güterwagen als Schaffnerin zu betreuen, ist ihr Sohn ein Arbeiterkind. Die Söhne und Töchter von Arbeitern und Bauern sind zu bevorzugen bei der Zulassung zum Studium.“ (Johnson, Uwe: Begleitumstände, Ffm. 1996, Suhrkamp, S. 52)

Arbeiter und Bauern sind zu bevorzugen

In der Tat vollzieht Johnsons Mutter den Wechsel von der Schaffnerin in Personenzügen zu einer solchen in Güterzügen, um ihrem Sohn den Weg ins Studium zu ebnen.

Zu solch absurden Verrenkungen wird man genötigt, sobald Gleichstellung betrieben und nach Quoten bemessen wird.

Dabei erscheint es auf den ersten Blick plausibel und sinnvoll, Quoten festzulegen, beispielsweise mit dem Ziel, mehr weibliche Mandats- und Amtsträger in die Politik zu bekommen und mehr weibliche CEOs an die Spitze von DAX-Unternehmen.

Allerdings sind die Effekte einer solchen Gleichstellungspolitik eher dürftig. So liegt zum Beispiel der Frauenanteil des aktuellen 19. Deutschen Bundestags um fünf Prozentpunkte niedriger als die seines Vorgängers (31% statt 36%). Und unter den Ministern, Staatssekretären und Abteilungsleitern der Regierung Merkel befinden sich zu 29% Frauen gegenüber 26% in der Vorgängerregierung (Stand 2018).

Dieses offensichtliche Quotenversagen lässt sich durch zwei konkurrierende Narrative erklären: Auf der einen Seite wird auf das Geschlechterparadoxon verwiesen, die Beobachtung also, dass in jenen Ländern, in denen die Gleichberechtigung am weitesten fortgeschritten ist, Frauen vermehrt klassische Frauenberufe und das klassische Rollenmodell wählen. Eine überraschende Entwicklung, legt sie doch nahe, dass das Gender-Konzept, demzufolge sämtliche Unterschiede zwischen Mann und Frau lediglich „gesellschaftlich gemacht“ seien, die Realität nicht korrekt abbildet.

Is' ja für'n guten Zweck!

Wenn Frauen die Wahl haben, tun sie eben nicht das Gleiche wie die Männer. Sie werden, ohne Druck, im Durchschnitt lieber Ärztin, Lehrerin oder Journalistin als Statikerin, Ingenieurin, Schachprofi oder Patentanwältin“, schreibt Harald Martenstein in der ZEIT.

Folglich verlegt sich die Genderfraktion auf das andere Narrativ, demzufolge die meisten Frauen sich der „gesellschaftlichen Gemachtheit“ ihrer Rolle nicht bewusst seien und diese deshalb laufend fortschrieben, indem sie das Falsche täten.

Diese Sichtweise enthält implizit bereits den Impuls, dem Glück dieser bedauernswerten Geschöpfe durch ein bisschen autoritären Zwang – is' ja für'n guten Zweck! - auf die Sprünge zu helfen. Genau das macht den Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Erstere beschreibt identische Startbedingungen, letztere identische Ergebnisse.

Es gibt einen Unterschied zwischen gleichen Voraussetzungen und gleichen Resultaten. Ich bin ein strenger Verfechter von gleichen Grundvoraussetzungen für jedermann. Aber ich erwarte eben nicht, dass deshalb jeder die gleichen Entscheidungen treffen wird. Nur, weil in einem Restaurant jeder die gleiche Speisekarte bekommt, bestellt nicht jeder Steak, oder? Momentan denken wir aber, dass, wenn wir alle die gleichen Möglichkeiten haben, jeder Steak essen will, nur weil Männer das bisher immer so gemacht haben. Jetzt stellen wir aber fest, dass es einige feine, aber entscheidende Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, die unterschiedliche Präferenzen hervorbringen. Es ist regelrecht paradox – je mehr Freiheiten Frauen haben, desto weniger verhalten sie sich wie Männer“, sagt die kanadische Psychologin Susan Pinker der Zeitschrift „freundin“ im Interview.

Müssen jetzt alle Steak essen?

Im Interview mit der ZEIT Nr. 11/2018 führt  der in Leeds lehrende Psychologe Gijsbert Stoet, der  sich seit langem mit Geschlechterunterschieden in der Bildung befasst, folgendes aus:

DIE ZEIT: Wenn man das Ziel hätte, die Zahlen anzugleichen, welche Methoden könnten funktionieren?

Stoet: Ich hätte dazu zwei Vorschläge, einen vernünftigen und einen verrückten. Vernünftig wäre es, Schülern nicht mehr zu ermöglichen, Fächer abzuwählen. [...]

ZEIT: Und der verrückte Vorschlag?

Stoet: Das wäre negative Diskriminierung: In Großbritannien könnte man die Studiengebühren für Frauen in MINT-Fächern [Mathematik/Informatik/Naturwissenschaften/Technik] abschaffen, in Deutschland, wo die Uni nichts kostet, könnte man Stipendien für Frauen einführen. Solche ökonomischen Anreize wirken. Aber soll man ein unfaires System schaffen, um vermeintlich faire Ergebnisse zu erzielen?“

Gute Frage, und die Genderfraktion beantwortet sie mit einem klaren "Ja". Aufgrund ihrer ideologischen Fixierung wird sie nicht lockerlassen, auf verpflichtenden Quoten für alles Mögliche zu bestehen, zumal sie den Fuß längst in der Tür hat; wie Bettina Röhl anmerkt: „Was hier als Gleichberechtigung daherkommt, ist jedoch tatsächlich Frauenbevorzugung und Männerbenachteiligung mit zweifelhaftem Nutzen für Frauen und zweifellosem Schaden für Männer. Ein Beispiel: Wird statistisch festgestellt, dass es 30 % Architektinnen und 70 % Architekten gibt, werden solange nur noch Architektinnen ausgebildet und gefördert, bis zumindest Gleichstand erreicht ist, und dies unabhängig davon, ob es mehr weibliche oder männliche Bewerber gibt.“ So jedenfalls sei es 1999 in den 'Eckpunkten für den Gender Mainstreaming-Prozess' vom Kabinett Schröder  als 'durchgängiges Leitprinzip der Bundesregierung', beschlossen worden. Bemerkenswert ist, dass einer dieser Eckpunkte die Regierung dazu verpflichtet, das Gender Mainstreaming im "top-down-Ansatz" durchzusetzen, das heißt nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam von oben nach unten. Da offenbart sich ganz ungeniert der o.g. Impuls zu autoritärem Zwang. Ein demokratischer Prozess sieht anders aus. Da wird wenigstens mal gefragt und zur Wahl gestellt.

Benachteiligung als Prinzip?

Zu Recht weist Thomas Steinfeld deshalb darauf hin, dass „... das Prinzip 'Gleichstellung' dem Prinzip 'Gleichberechtigung' zumindest latent widerspricht: Wenn die Ergebnisse aller Anstrengungen immer die gleichen sein sollen, wird man auf unterschiedliche Voraussetzungen Rücksicht zu nehmen haben. Dann muss man Menschen absichtlich ungleich behandeln, um am Ende Gleichheit erzeugen zu können - irgendwann vielleicht. Weil solche Ungleichbehandlungen aber durchgesetzt werden müssen, immer und überall, setzt das Prinzip der 'Gleichstellung' eine permanente Kontrolle aller gesellschaftlichen Aktivitäten voraus. 'Gleichstellung' ist deswegen ohne einen autoritären Staat nicht zu haben.“

Und dies wäre lediglich das Szenario zur Herstellung von Gleichheit zwischen Mann und Frau. Was käme erst auf uns zu, wenn wir auch noch die gesamte Palette der von der Genderfraktion behaupteten „nichtbinären“ Geschlechtszugehörigkeiten gleichstellen müssten? Und was, wenn zur Gleichstellung in Sachen Geschlecht auch noch diejenigen in Sachen Alter, Hautfarbe, Ethnie und Handicap träten, um nur die geläufigsten zu nennen?

Das wäre der Ausstieg aus einem Gemeinwesen, in dem die persönliche Freiheit des Einzelnen einen höheren Rang genießt als die Gleichheit des Kollektivs. Zugleich wäre es der Einstieg in einen autoritären Staat, der die angestrebte Gleichheit durch staatlichen Zwang herzustellen verspricht und sie dennoch zuverlässig verfehlt, wie nicht nur das Beispiel DDR beweist. Die Sehnsucht nach Gleichheit entspringt dem naiven Unvermögen, Differenz als Merkmal menschlichen Daseins zu akzeptieren und auszuhalten. Um diese zum Verschwinden zu bringen, ist manche(r) bereit, selbst totalitäre Methoden in Kauf zu nehmen. Dass dies niemals zu mehr Gleichheit, immer aber zu schreiendem Unrecht geführt hat, lässt sich am Schicksal der marxistischen Experimente in der UdSSR, Vietnam, Kambodscha, China, Nordkorea und Kuba studieren, die allesamt gescheitert sind.

Gemeinsam ist diesen Beispielen, dass sie ein hehres Ziel verfolgten, samt und sonders jedoch katastrophal endeten. Das Gegenteil von "gut" ist eben doch nur "gut gemeint". Und niemals heiligt der Zweck die Mittel.