Martin Elsbroek
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Wortkunst


Ja, es gibt sie noch …

© Martin Elsbroek

… die Beiträge zur Sexismus-Debatte, denen nicht der ideologische Schaum vorm Munde steht; die nicht der Versuchung erliegen, die immer selben Täter-Opfer-Klischees aufzuwärmen; die statt dessen nüchtern und rational versuchen, den Kern des Problems freizulegen.

Ein solcher Text, verfasst von Nils Minkmar, erschien unter dem Titel „Die böse Unantastbarkeit“ im SPIEGEL 47/2017 (auch online verfügbar).

Darin stellt er zutreffend fest, dass man dem Problem „... nicht mit der Logik des Skandals beikommen ...“ werde, weshalb – so füge ich hinzu - der Zugriff unter der Genderperspektive nicht weiterhilft.

Minkmar spricht vom „moral self-licensing“ der Täter, dem folgender Subtext zugrunde liege: „Ich tue doch sonst soviel Gutes, da fällt diese kleine Untat nicht ins Gewicht.“ Der mächtige Berühmte sieht die Habenseite seines Moralkontos so deutlich im Plus, dass er sich eine kleine Prämie verdient zu haben glaubt, auch wenn sie sein Soll geringfügig belastet.

Ironischerweise liegt dieser Gedanke der moralischen Selbstermächtigung des Gutmenschen, dem jedes Mittel heilig ist, wenn es nur dem "Guten" dient, nicht so arg fern. Nur dass hier im Vorgriff auf das Gute, das erst bewirkt werden soll, gleichsam der Dispositionskredit in Anspruch genommen wird.

Aber hier wie dort ist er doch nur eine Scheinlegitimation, die nicht nur die sexuellen Übergriffe durch Ärzte, Priester, Schauspieler, Therapeuten und sogar einen leibhaftigen US-Präsidenten erklärt, sondern in gleicher Weise die Selbstbedienungsmentalität von Wirtschaftsbossen, das Steuervermeidungsverhalten von Superreichen und die autoritäre Moral von Gutmenschen.

Es geht also primär nicht um Sex, sondern um Macht und Einfluss, wobei diese  insofern eine wichtige Rolle spielen, als sie das Charisma von Prominenz und Bedeutung vermitteln. Der Unterschied zum Gutmenschen folgt aus dessen Ohnmacht, Dinge in seinem Sinne zu bewegen, die er mit seinem moralischen Tugendfuror zu kompensieren und dadurch Einfluss zu gewinnen versucht.

„Die Produktion kollektiver Bewunderung in globalem Ausmaß ist das Kerngeschäft des unterhaltungsindustriellen Komplexes. Digitalwirtschaft, Medien, Kultur … leben von Personen, die sich zu Marken gemacht haben“, schreibt Minkmar.

Die kollektive Bewunderung dient den Tätern zu ihrer Legitimation wie auch zu ihrem Schutz. Letzteres deshalb, weil Bewunderung den Bewunderten von ihren potentiellen Opfern entgegengebracht wird, weshalb es diesen schwerfällt, ihre Ikonen anschließend vom Sockel zu stoßen. Es ist die Bewunderung, die sie unantastbar macht. Die Groupies der 60er und 70er Jahre, die sich ihren Rock'n'Roll-Göttern willig und freiwillig ins Bett legten, erzählen genau diese Geschichte. (Wer daraus den Vorwurf destillieren möchte, ich redete der Schuldumkehr das Wort, möge sich den Schaum vom Mund wischen.)

Ungleich schlüssiger als jeder feministische Denkansatz erklärt Minkmars Ansatz das Phänomen Harvey Weinstein.

Und: Er impliziert eben auch, dass nicht nur Frauen den Demütigungen der Self-licensed-Täter ausgesetzt sind, sondern jedermann. Denn auch wenn wirtschaftliche und politische Macht heute unbestritten überwiegend männlich ist, so unterliegen Männer und Frauen ihr doch gleichermaßen. Anders gesagt: Auch wenn die meisten berühmten Chefs Männer sind, so sind deshalb noch lange nicht alle Männer berühmte Chefs.

Dass dieser Ansatz sich folglich dazu eignet, tiefe Gendergräben zu überbrücken, finde ich am Ende eine versöhnliche Pointe.

Minkmars Diagnose finde ich absolut zutreffend, seinen Therapieansatz indes teile ich nur bedingt.

Zwar ist seine Forderung, Macht zu demokratisieren, um ihren Missbrauch zu erschweren, richtig; doch leider entzieht sich das Charisma von Macht und Prominenz dem demokratischen Zugriff. Jeder Blick auf die Umsätze der Yellow Press beweist das.

Auch ist richtig, dass Erziehung zu Respekt vor dem anderen Geschlecht nottut, doch ist die Schule dazu der falsche Ort. Skills wie "Respekt" werden nicht über den Kopf vermittelt, sondern über das Herz. Sie müssen vorgelebt werden. Und zwar von den primären Bezugspersonen, den Eltern. Und nicht erst ab dem sechsten Lebensjahr. Der richtige Ort ist deshalb das Elternhaus. Dass dieses heute indes zunehmend versagt, weiß ich allerdings auch.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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Nr. 3/2018:

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