Martin Elsbroek
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Wortkunst


Die Würde der Idioten

© Martin Elsbroek

Wenn man, zum Beispiel als Lehrperson, junge Frauen auf die Außenwirkung allzu sorgloser Bekleidung und die sich daraus ergebenden Risiken aufmerksam macht, kann es passieren, dass einem höchst aggressiv der Vorwurf vor den Latz geknallt wird, man sei wohl auch der Meinung, dass frau selbst schuld sei, wenn sie vergewaltigt werde.

Da bleibt einem erst einmal die Spucke weg, denn das Motiv der Intervention ist ein völlig anderes: Nämlich der Zweifel daran, ob die Erfahrung einer 17jährigen ausreicht, um ihre Fremdwahrnehmung realistisch einschätzen zu können.

Der Schönheitsfehler der aggressiven Empörungspose besteht also darin, dass der gemachte Vorwurf ein Fake ist, eine krawallige Verdrehung der simplen Botschaft: Seid vorsichtig!

Logisch stellt dieser Vorwurf ein sogenanntes Strohmann-Argument dar: So, wie früher Strohpuppen in Kirschbäume gestellt wurden mit der Absicht, Vögel abzuschrecken, entstellt man ein ursprünglich harmloses Ansinnen mit üblen Unterstellungen zu einer hässlichen Figur, macht dieser dann so richtig Feuer unter dem Hintern und glaubt, mit dieser Zirkusnummer das Ursprungsargument erledigt zu haben.

Inhaltlich lässt sich die widersinnige Logik der o.g. Schuldunterstellung an einem Beispiel zeigen: Wenn jemand die Ratschläge von Polizei und Feuerwehr, seine Wohnung gegen Einbruch zu sichern, ignoriert, also kein Sicherheitsglas, keine abschließbaren Fenstergriffe, keine zusätzlichen Querriegel an der Tür, kein zweites Sicherheitsschloss, keine Zeitschaltuhr für die Beleuchtung und keine Alarmanlage einbaut, sondern weiterhin lediglich die Fenster zumacht und die Wohnungstür abschließt, wenn er ausgeht – wer ist dann schuld, wenn bei ihm eingebrochen wird? Er selbst?

Eben.   

Der Denkfehler besteht darin, zu ignorieren, dass Mord verboten ist und dennoch vorkommt. Dasselbe gilt für Bankraub, Autodiebstahl, Wohnungseinbruch,  Ladendiebstahl und eben auch für Vergewaltigung. In nahezu allen Fällen gilt Vorbeugung gegen mögliche Straftaten als sinnvoll und vernünftig. Man meidet nachts stadtbekannte No-go-Areas, präpariert Geldautomaten mit Sicherheitstechnik, schließt Auto und Wohnung ab, installiert Videoüberwachung in Supermärkten – und minimiert auf diese Weise das Risiko. Sobald es aber um mögliche sexuelle Übergriffe geht, wird dieselbe Strategie mit Hilfe des Strohmann-Arguments zur unzumutbaren Einschränkung von Freiheit erklärt.

Warum nur?

Vielleicht weil man damit Stimmung machen kann und Empörung schüren? Mit der sich dann eine neue #sonstwas-Sau durchs Genderdorf treiben lässt? Und weil man sich selbst dabei so toll und überlegen fühlt?

Leider schafft der gutmenschliche Empörungsgestus Verbrechen und Verbrecher nicht aus der Welt. Es hat sie immer gegeben und es wird sie immer geben. Aus dieser Feststellung allerdings den Schluss zu ziehen, man gebe den Opfern die Schuld, ist nur in zweiter Linie dämlich, in erster Linie aber verlogen.

Moralische Entrüstung, hat Marshall McLuhan einmal gesagt, sei die Würde der Idioten.