Martin Elsbroek
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Wortkunst


Die Realität schlägt zurück

(c) Martin Elsbroek

"... wir müssen über Sprache reden." So beginnt Julian Doerr am 26.12.2017 auf www.sueddeutsche.de einen Kommentar, der vorgibt, unter dem Titel "Gewalt gegen Frauen ist Gewalt von Männern" die Funktion von Sprache im Rahmen der laufenden Sexismus-Debatte zu reflektieren.

Und in der Tat muss man nach Lektüre seines Textes über Sprache reden. Denn hätte Doerr dem Ethos seines Berufs Genüge getan, und hätte des Weiteren seine Online-Redaktion ihre Hausaufgaben erledigt, wäre uns Lesern folgender Satz mit seiner grauenhaften Syntax erspart geblieben: " 'Gewalt gegen Frauen' kann erst dort beginnen zu beschreiben, wo die Gewalt schon passiert ist."

Ich führe das nicht aus Häme an, sondern um zu zeigen, dass die Sprache dieses Textes zu seinem hohen moralischen Ton genau so schlecht passt wie sein Inhalt.

Natürlich lässt sich Sätzen wie dem folgenden schlecht widersprechen: "Die Art und Weise wie wir sprechen, prägt unsere Sichtweise auf die Welt, die Muster, in denen wir denken und wahrnehmen. Sprache schafft ... Bilder im Kopf, sie liefert einen Rahmen, in dem wir reflektieren und unsere Meinungen entwickeln. [...] Wer immer und immer wieder vom "Flüchtlingsstrom" hört, der wird bald selbst das Gefühl haben, überschwemmt zu werden. Sprache schafft gesellschaftliche Realität."

Aber wer jetzt sauber analysierte Belege für Doerrs Grundannahme erwartet, dass die Art und Weise, in der "... wir als Gesellschaft über sexuelle Gewalt reden ..." einen "... gewichtigen Teil zu den frauenfeindlichen Strukturen in unserer Gesellschaft ..." beitrage, sieht sich enttäuscht. Statt dessen erhebt Doerr die oben zitierte Aussage, dass Sprache Realität schaffe, zum Programm seines Textes.

Er flutet den Leser mit bloßen Behauptungen, sehr persönlichen Assoziationen und billigsten Klischees, die eines gemeinsam haben: Sie stammen samt und sonders aus dem Fundus des Genderglaubens und sind folglich weder belegt noch belegbar. 

Das ist, in Doerrs eigenen Worten ausgedrückt, eine "... klischeebeladene und sexistische Narration", deren Zweck es offensichtlich ist, im Kopf des Lesers eine genderkonforme Realität zu erschaffen. Der Leser soll daran glauben. Und je mehr er von diesem Zeug bekommt, desto nachhaltiger die Wirkung, so Doerrs offenkundige Hoffnung. Viel hilft viel.

Julian Doerr argumentiert nicht, er agitiert. Sein Motiv ist nicht Erkenntnisgewinn, sondern Stimmungsmache.

"Die Realität hat es an sich, zurückzuschlagen, wenn du sie nicht ausreichend beachtest", sagte Barack Obama in seiner letzten Pressekonferenz und meinte damit Trump. Man könnte diesen Satz auch Julian Doerr ans Herz legen.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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Nr. 3/2018:

"herz wie hose"