Martin Elsbroek
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Wortkunst



Ceci n'est pas une pipe

© Martin Elsbroek


Als der deutsche Literaturstudent Matthias Theiss Mitte der achtziger Jahre das Büro des INAT, des Instituts für Neue Ästhetische Theorie der kalifornischen Universität Hillcrest betritt, um sich für einen der begehrten Kurse einzuschreiben, sieht er sich einem Porträt des wenige Jahre zuvor verstorbenen Professors Jacques de Vander gegenüber, Begründer der besagten Theorie und Spiritus Rector des Instituts. Direkt neben dem Porträt hängt das Bild einer Tabakspfeife, unter der in geschwungener Schrift der französische Satz, „Ceci n'est pas une pipe – dies ist keine Pfeife“, steht.

Dass der Schöpfer des Bildes mit der widersprüchlichen Doppelbotschaft, René Magritte, ebenso wie Jacques de Vander Belgier ist, mag Zufall sein – dass das Bild des einen jedoch neben dem Porträt des anderen hängt, sicherlich nicht. Denn auf diese Weise führt Wolfram Fleischhauer, der Autor des Romans „Der gestohlene Abend“, von dem hier die Rede ist, seine Leser mitten hinein in das gedankliche Labyrinth der Neuen Ästhetischen Theorie.

In der Figur des Matthias Theiss darf man Wolfram Fleischhauer selbst vermuten, der zu der fraglichen Zeit an der University of California in Irvine, dem Vorbild für Hillcrest, Literatur studierte. In der Professorin Ruth Angerston lässt sich Ruth Klüger wiedererkennen, die tatsächlich in Irvine Germanistik lehrte und zugleich eine Gastprofessur in Göttingen versah. Das Vorbild für Jacques de Vander ist der belgischstämmige Paul de Man, der in den USA eine neue Methode der Textauslegung etablierte; der Vorname "Jacques" kann als Verweis auf Jacques Derrida gelesen werden, einen einflussreichen Vertreter des Poststrukturalismus und des Dekonstruktivismus.

Der Autor ist tot, es lebe der Autor!

In scharfem Widerspruch zur hermeneutischen Methode der Textinterpretation bestreitet de Man, dass Texte überhaupt einen ermittelbaren Sinn enthielten. Denn, so sein Argument, der logische Gehalt eines Textes werde von den rhetorischen Mitteln, derer er sich bedient, stets hintertrieben, so dass jeder Text und auch die Sprache selbst unzuverlässig seien. Daraus folge, dass jede menschliche Erfahrung sowohl als empirischer Fakt als auch als fiktionale Erzählung vorliege und man nie genau wisse, was davon zutreffe. Diese Unbestimmtheit errichte eine „unhintergehbare“ Mauer zwischen den Sprachbenutzern und der Realität, was bedeute, dass Sprache zur Verständigung über die Wirklichkeit nicht tauge, sondern im Gegenteil diese in den Köpfen ihrer Benutzer erst konstruiere.

Genau das drückt auch Magrittes Bild aus: Es gibt keine Pfeife außer der Vorstellung, die der Begriff „Pfeife“ in unseren Köpfen erzeugt. Ceci n'est pas une pipe.

Eine vom Bewusstsein der Menschen unabhängige Realität gebe es folglich gar nicht. Unsere Bewusstseinsinhalte seien kulturelle Konstruktionen, die nicht auf irgendeinen Urheber zurückgingen, sondern auf Erziehung und Enkulturation. Folglich mache es auch keinen Sinn, vom „Autor“ eines Textes zu reden.

Wenn Texte also derart unzuverlässige Konstrukte seien, so die Theorie weiter, könne man ihrer Aussage nur auf die Schliche kommen, indem man sie dekonstruiere. Entsprechend sucht die Methode der „Dekonstruktion“ in einem gegebenen Text gezielt nach Widersprüchen zwischen Inhalt und Form, um aus diesen zu ermitteln, was der Text verschweige.

Zu den Ungereimtheiten dieser Theorie gehört, dass ihre Protagonisten Forschungsliteratur veröffentlichen und mit ihrem Namen zeichnen, womit sie immerhin zugeben, dass a) sie Sprache sehr wohl zu Kommunikationszwecken über Außersprachliches nutzen, und b) der Autor nicht tot, sondern quicklebendig ist, was sich u.a. darin ausdrückt, dass man als Autor einer solchen Theorie in den Rang eines hymnisch verehrten Gurus aufsteigen kann, vor dessen Seminaren die Studenten Schlange stehen.

Viel relevanter aber ist: Die Methode der Dekonstruktion samt ihrer anmaßenden Absicht, zu ermitteln, was ein Text nicht sagt, ist esoterischer Hokuspokus, der jeder gewünschten Lesart Tür und Tor öffnet. Die Dekonstruktion liefert jedes beliebige Ergebnis, letztlich also gar keins.

Flirrende Punkte auf Cornflake-Packungen

In Fleischhauers Roman wird Matthias Theiss am Vorabend eines Vortrags über Shakespeares Sonette von einer Kommilitonin über diese Methode aufgeklärt:

„Er wird genau das nicht tun, was du und ich normalerweise mit einem Gedicht oder einem Text machen würden. Er wird vermutlich kaum etwas über Shakespeare sagen, nichts über die Geschichte der Sonette, schon gar nichts über irgendwelche philologischen oder editorischen Probleme … Er wird die Sonette nicht lesen, er wird sie unlesbar machen. Alle Vorträge von Leuten aus dem INAT waren so. Sie erklären nichts, sondern sie legen ihre Interpretation wie eine flimmernde Folie über die Texte, die sie bearbeiten. Eigentlich ist es wie mit diesen Farbrätseln auf Cornflakespackungen, nur umgekehrt.“

„Was für Farbrätsel? Ich verstehe gar nichts.“

„Das kennst du doch bestimmt. Diese grünen oder blauen Farbmuster, in denen man außer flirrenden bunten Punkten nichts erkennen kann, bis man eine rote Transparentfolie drüberlegt. Plötzlich sieht man eine Zahl oder ein Wort, irgendetwas, was man vorher nicht erkennen konnte. Die Leute vom INAT machen es im Grunde genau umgekehrt. Sie interpretieren einen literarischen Text, und wenn sie damit fertig sind, hast du das Gefühl, den Text noch nie wirklich gelesen zu haben. Im Gegenteil. Wo du hinschaust … siehst du nur noch flirrende grüne und blaue Punkte. Und das Schlimme ist: Du bist dir sicher, dass da jetzt ein großes Geheimnis verborgen ist.“

„Und die rote Folie?“

„Tja, die geben sie dir nicht ...“ (S. 101 f.)

"Die aktive Transformation des Bezeugens an sich"

Im weiteren Verlauf des Romans (wie auch des wirklichen Lebens) stellt sich 1987 heraus, dass Jacques de Vander (alias Paul de Man) 1941 als junger Mann in einer Brüsseler Zeitung regelmäßig antisemitische Texte veröffentlicht hat, unter anderem einen, in dem er behauptete, wenn man die Juden aus Europa vertreibe, verlöre die europäische Literatur lediglich einige mittelmäßige Gestalten, würde sich aber ansonsten nach den höchsten Gesetzen der Evolution weiterentwickeln.

Diese Enthüllung sorgt für einen Eklat, der den Campus spaltet. Ein Teil der Studenten wie auch des Lehrkörpers ist hoch empört und bereit, de Vander posthum vom Sockel zu stoßen.

Ein anderer Teil, nämlich de Vanders Jünger, verteidigt ihn unter Rückgriff auf  seine eigene Theorie. Auf einer De-Vander-Konferenz im Anschluss an den Skandal erklärt eine Professorin: „Auf stumme Weise ist Geschichte als Holocaust in De Vanders reifen Arbeiten überall präsent. Sein Schweigen war kein Verschweigen oder Entstellen der Vergangenheit, sondern eine laufende, aktive Transformation des Aktes des Bezeugens an sich.“ (S. 345)

Und ein französischer Kollege fragte: „Ist denn nicht jede Beichte eine Farce? Ein selbstironischer Akt, der letzte Zufluchtsort der Illusion des vollen aufrichtigen Sprechens, dessen strukturelle Unmöglichkeit de Vander doch so ausdrücklich bewiesen hat? War es nicht folgerichtig, ja anständiger, dass er geschwiegen hat? Die zu erwartenden Diskussionen über seinen Fall … hätten ihm nur wertvolle Zeit und Energie für seine eigentliche Arbeit geraubt. Er hat also richtig gehandelt, indem er uns diesen schweren und dunklen Teil des Erbes hinterlassen hat …“ (S. 346)

Ein dritter Teil ist der Ansicht, was ein 22Jähriger im Übereifer publiziere, dürfe man dem reifen Mann nicht vorwerfen. Sein Lebenswerk schmälere das nicht.

Nur einer, der klassische Philologe John Barstow, redet Klartext mit seinen Studenten. Er habe überhaupt kein Problem damit, „... was de Vander als junger Student geschrieben hat. Was ich bestreite, ist, dass es sich von dem, was später kam, wesentlich unterscheidet. De Vanders Theorie ist totalitär. […] Denn absoluter Relativismus ist totalitär … Und de Vander hat genau das gepredigt: absoluten Relativismus. Und das ist ebenso totalitär wie Fundamentalismus. […] Kein Autor, was ja nichts anderes heißt als: kein Täter. Keine Geschichte. Keine Biografie. Kein Kontext. Vor allem keine Moral. Keine Werte. Keine Fragen. Kein übergreifender, Gemeinschaft stiftender Sinn.“ (S. 333 ff.)

Enttäuscht von der Neuen Ästhetischen Theorie (=Poststrukturalismus), deretwegen er nach Hillcrest kam, wendet Matthias Theiss sich ab, schmeißt sein Studium und kehrt nach Deutschland zurück.

Die heimtückische Vergiftung der westlichen Frau

Viele Jahre später, er arbeitet mittlerweile als Simultanübersetzer, begegnet er unversehens seiner ehemaligen Kommilitonin Janine Uccino wieder. Diese ist mittlerweile Genderprofessorin in Chicago und hält einen Vortrag in Antwerpen, den Matthias übersetzt:

„Janine sprach von der angeblichen Freiheit westlicher Frauen und der vorgeblichen Unterdrückung von Frauen im Islam. Sie vertrat die These, dass der Verschleierungszwang in manchen arabischen Ländern strukturell das Gleiche sei wie der Pornografiezwang im Westen. Der Westen, so argumentierte sie, sehe nur die Gewalt in der verschleierten Muslimin, sei aber blind für die Gewalt des voyeuristischen Blickes in westlichen Ländern. […] Soeben erörterte sie die symbolische Bedeutung der Beschneidungspraxis und Klitorisverletzung in manchen islamischen Gesellschaften. Dann versuchte sie darzulegen, dass diese Form der weiblichen Kastration strukturell mit Schönheitsoperationen und Selbstverstümmelungsphänomenen in westlichen Ländern vergleichbar sei. Am Ende ihres Vortrags kam sie zu dem Schluss, dass die Situation für die Frauen im Westen vielleicht sogar die Schlimmere sei. Einer altmodischen, aber leicht durchschaubaren Unterdrückung im Islam stehe eine heimtückische Vergiftung der westlichen Frau durch falsche Selbstbilder gegenüber, gegen die Frauen so gut wie machtlos seien.“ (S. 357 f.)

Totalitärer Feminismus

In der Tat basieren gerade die Gender Studies ganz und gar auf den Grundsätzen der Neuen Ästhetischen Theorie.

Denn die Gender Studies

  • leugnen anerkannte Fakten, z.B. den Wissensbestand der Biologie.

  • behaupten, Geschlecht im herkömmlichen Sinne der Existenz von Frau und Mann sei nichts als ein kulturelles Konstrukt. Geschlecht sei längst als ein Spektrum dekonstruiert, in dem es viel mehr als nur Mann und Frau gebe.

  • betreiben „Sprachgenderung“ mit dem Ziel, über die Veränderung von Begrifflichkeiten die Wahrnehmung von Realität zu manipulieren.

  • antworten nie inhaltlich auf vorgetragene Kritik, sondern versuchen diese stets zu dekonstruieren, indem sie die Person des Kritikers und dessen angeblichen Motive ins Zentrum ihrer Betrachtungen rücken.

  • kommunizieren selbstreferentiell und in Doppelbotschaften. Dazu schreibt Jens Jessen in der ZEIT Nr. 15/2018: „Die Wortführerinnen der Debatte haben eine Argumentationsstruktur geschaffen, die einem alten Trick beim Mühle-Spiel gleicht: Mit jedem Zug setzt sich der Gegner selbst matt. Wenn die Männer schweigen, dann ducken sie sich feige weg oder haben ihre Verantwortung nicht erkannt. Stimmen die Männer zu, maßen sie sich einen (verlogenen) Rollenwechsel an, der ihnen nicht zusteht. Widersprechen die Männer aber, offenbaren sie bloß, dass sie ihre Machtposition nicht freiwillig räumen … […] Das System der feministischen Rhetorik folgt dem Schema des bolschewistischen Schauprozesses, nur dass die Klassenzugehörigkeit durch die Geschlechtszugehörigkeit ersetzt ist. [...] So ist nach marxistisch-leninistischem Vorbild ein sich selbst immunisierendes System entstanden. Auch durch die Aussicht auf ein Ende der realen Missstände lässt es sich nicht irritieren. Der Kampf wäre ja keineswegs gewonnen, wenn sich das männliche Verhalten gegenüber Frauen zivilisierte. […] So geht es auch heute nicht um die Gleichberechtigung der Frauen, sondern um den ideologischen Triumph des totalitären Feminismus.“