Martin Elsbroek
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Wortkunst


Böse Falle

© Martin Elsbroek


Toleranz, auch Duldsamkeit genannt, sei, so lese ich bei Wikipedia,  „... allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen anderer oder fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Umgangssprachlich ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung gemeint, die jedoch über den eigentlichen Begriff ('Duldung') hinausgeht.“

Als tolerant gilt also derjenige, der imstande ist, Auffassungen auszuhalten, die von den seinen abweichen.

Toleranz - gern genommen, ungern gewährt

Nun ist Toleranz allerdings eine schwierige Übung. Sie wird gern, oft und mit Aplomb eingefordert, aber nur widerwillig, wenn nicht zähneknirschend, gewährt. Denn die eigene Auffassung erscheint uns stets als evident, logisch und realitätsgesättigt, während die der anderen nichts als eine einzige Verirrung zu sein scheint. Aber, daran sei erinnert, es geht ja nur ums Aushalten, nicht um den Glauben daran.

Als sei das nicht schon schwierig genug, stellt sich zusätzlich die Frage: Kann jede Haltung, jede Auffassung Anspruch auf Toleranz erheben?

Offensichtlich nicht, wie sich am Beispiel des Rassismus oder der Leugnung des Holocaust leicht zeigen lässt. Die Antwort auf diese Frage lässt sich nur mit Hilfe größtmöglicher Objektivität, also des vernünftigen, faktenbasierten, überprüfbaren Arguments ermitteln. Das mag manchem als ein unvollkommenes Werkzeug vorkommen, aber ein besseres ist uns leider nicht gegeben. Vervollkommnen lässt es sich einzig durch den sachlichen Diskurs, der alle Beteiligten im Idealfall ein bisschen klüger macht.

Wenn also – um im Beispiel zu bleiben – jemand die Auffassung von der rassischen Minderwertigkeit dunkelhäutiger Menschen vertritt, so kann diese nach heutigem Stand des Wissens objektiv falsifiziert und damit um ihren Toleranzanspruch verkürzt werden.

Was aber, wenn ein theoretisches Konzept sich ausdrücklich nicht auf Objektivität gründet, sondern die persönliche Betroffenheit eines bestimmten Milieus zum Ausgangs- und Mittelpunkt seiner Aussagen und Lehrsätze macht und von dieser Warte aus gar den Diskurs verweigert, indem es allen Nichtbetroffenen das Maul verbietet?

Ideologisch sattelfest, aber krachend intolerant

Dann passiert genau das, was man im Anschluss an 1968 als Zersplitterung der orthodoxen Linken, deren Referenzmilieu „die Arbeiterklasse“ war, beobachten konnte. Noch über die geringste Abweichung vom ideologischen Katechismus zerstritt man sich heillos, redete fortan nicht mehr miteinander und gründete lieber eine weitere Kleinstpartei mit absolutem Wahrheitsanspruch. Ideologische Sattelfestigkeit und krachende Intoleranz scheinen einander zu bedingen.

Dasselbe lässt sich aktuell am radikalen Feminismus studieren, der auf der Queer-Theorie fußt. Der Begriff „queer“, schreibt Caroline Sosat in der Neuen Zürcher Zeitung, stehe heute „... vor allem für eine Politikform, in der die eigene gesellschaftliche Position Dreh- und Angelpunkt anklagender Moral ist.“ In der Konsequenz, so Peter Rehberg auf ZEIT ONLINE,  führe „... eine solche Kultur dazu, dass hier jeder nur noch für sich selbst sprechen darf. Identitäten werden durch Leiderfahrungen als authentisch verifiziert; eine Form der Verkörperung, die keinen Raum mehr für Brüche, Witze oder das Unbewusste lässt. Geschweige denn für Streit und den Austausch von Argumenten.“ Dabei gehe es „... nicht um tatsächliche Benachteiligung, sondern allein um gefühlte … ; sachliche Kritik wiegt nichts, der 'Standpunkt' oder 'Sprechort' hingegen alles.“ (Quelle) Ein solcher 'Standpunkt' verwandle, so Peter Rehberg weiter, seinen Protagonisten in ein moralisch überlegenes Wesen, „... vollkommen frei von Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie. [...] Eben dieser Fantasie von Reinheit und Gewissenhaftigkeit verdankt sich die inquisitorische Atmosphäre, die sich innerhalb der queer-feministischen Szene breitgemacht hat.“

Erbitterte Grabenkämpfe

Dass es in diesem Milieu brodelt wie weiland in der orthodoxen Linken, kann man anhand des Sammelbands „Beißreflexe“ nachspüren, der den Anspruch auf totale Toleranz für die eigene Befindlichkeit bei gleichzeitiger Verweigerung derselben für  fremde Befindlichkeiten innerhalb eines Milieus bezeugt, dessen Gemeinsamkeit sich im Glauben an die Subjektivität von Theoriebildung und Wahrheitsanspruch erschöpft.

Entsprechend fallen die Reaktionen der queeren Community auf den Sammelband aus. Szene-Buchhandlungen führen ihn dezidiert nicht, Beiträger zu diesem Sammelband werden ausgegrenzt und geshitstormt – und das ausgerechnet unter dem queeren Banner des Diskriminierungs- und Ausgrenzungsverbots. Nachdem Alice Schwarzer ausgewählte Autoren des Sammelbands in der EMMA zu Wort kommen ließ, schaltete sich Judith Butler mit einem langen Artikel in der ZEIT höchstpersönlich ein und kofferte gegen den Schwarzer-Feminismus. Worauf Frau Schwarzer eine Woche später ebenso lang und breit gegen die Gender Studies zurückkofferte.

Dabei dürfte jedem Beobachter, der seine Sinne halbwegs beieinander hat, doch längst klar sein, dass und warum ein derart konstituiertes Milieu zwangsläufig unfähig zum Konsens ist, denn wenn meine subjektive Befindlichkeit per definitionem in eine objektive Wahrheit transformiert wird, dann kollidiert sie mit jeder einzelnen anderen absoluten Wahrheit in diesem Kosmos. Hysterische Zickenkriege und erbitterte Grabenkämpfe sind die notwendige Folge: „Wenn sich Betroffene nicht mehr einig sind und sich auch mit bestem Willen und höchstem Druck keine Einigkeit unter ihnen herstellen lässt, scheitern der postmoderne Glaube an standpunktgebundene Theoriebildung und die sich daraus ergebende Subjektivierung eines jeden Wahrheitsanspruchs.“ (Quelle)

Die große Sehnsucht des Feminismus

Aber auch dem Schwarzer-Feminismus sei die Überzeugung von der eigenen moralischen Überlegenheit nicht fremd, findet Stefan Hirschauer: „Der Kern des feministischen Bekenntnisses liegt in einer großen, stillen Hoffnung: das Böse in der Welt in einem Geschlecht verorten zu können und insofern selbst ‚das andere‘ zu bleiben. Der Feminismus bleibt damit der Geschlechterunterscheidung so verpflichtet wie der Atheismus der Religion.“

Das führt bei solchen Männern, die das ebenso dringende wie verzweifelte Bedürfnis verspüren, auf der moralisch sicheren Seite zu stehen, zu irrwitzig-regressiven Manövern der Überanpassung und Selbstverleugnung. Autoren wie Robert Franken, Julian Doerr und Lars Weisbrod, um nur einige zu nennen, glauben, das Ticket für die rettende Gender-Arche nur lösen zu können, indem sie – päpstlicher als der Papst – den Feminismus im Männerbashing noch toppen.

Die vermeintlich sichere Seite

Über das Gefühl moralischer Überlegenheit schreibt Antonia Baum in der ZEIT: „Dieses Gefühl funktioniert als eine Art kulturelle Kapitalanlage eines bestimmten, exklusiven Milieus. Es geht darum, einander zu zeigen, dass man informiert ist und daraus sichtbar die richtigen Schlüsse zu ziehen. Diesen Lifestyle durchzuziehen ist extrem anstrengend, und vielleicht ist diese Anstrengung ... auch der Grund dafür, dass den benannten Milieu-Teilnehmern oft eine gewisse Strenge und Unaufrichtigkeit nachgesagt wird. Denn natürlich wollen die, die täglich mit dem enormen Druck kämpfen, richtig zu sein, dafür auch irgendwie entlohnt werden. Der Lohn ist das bessere Gefühl und die Erlaubnis, andere abschätzig anzugucken.“

Dass dieses Investment sich rechnet, muss im vorliegenden Fall allerdings bezweifelt werden. Denn, und auch das lässt sich aus der Zersplitterung der orthodoxen Linken nach 1968 lernen, nützlicher Idioten bedienen sich selbsternannte Revolutionäre gern, entledigen sich ihrer aber auch genau so gern unmittelbar nach Gebrauch. Und was passiert erst, wenn die Revolution – wie schon 1968  – ausfällt, weil keine(r) hingeht?

Böse Falle.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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Nr. 7/2018:

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