Martin Elsbroek
/

Wortkunst


Bock und Gärtner
© Martin Elsbroek

Eine Woche nach den massenhaften sexuellen Übergriffen nordafrikanischer Männer auf junge Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2015/16 bot das ZDF Anne Wizorek, einer der Lautsprecherinnen der Genderszene, in der 19.00-Uhr-„heute“-Sendung die Bühne für einen „Zwischenruf“. Darin formulierte sie u.a. folgendes:

Das Fatale an der jetzigen Diskussion ist, dass wir nur auf sexualisierte Übergriffe von Männern mit Migrationshintergrund gucken. Es ist klar, dass auch diese Gruppe von Menschen Übergriffe ausübt. Aber wenn wir nur auf diese Gruppe Menschen schauen und sie als alleinige Täter identifizieren, ist das eine rassistische Annahme. Sexualisierte Gewalt wird in unserer Gesellschaft leider immer noch so behandelt, als wär sie wie das Wetter ...“ Im weiteren Verlauf dieses Zwischenrufs behauptet Wizorek mehrfach, sexualisierte Gewalt sei in der Bundesrepublik Deutschland eine allgemein akzeptierte Form des männlichen Umgangs mit dem weiblichen Geschlecht.

Was man in ihrer gesamten Suada vergebens sucht, ist ein einziges Wort für und über die betroffenen Frauen dieser Nacht.

Die Paradoxie des Diskriminierungsverbots

Was genau war das Ziel der Wizorek'schen Entrüstungspose? Ging es ihr darum, a) sexualisierte Gewalt oder b) Rassismus in der bundesrepublikanischen Gesellschaft zu geißeln?

Ich gestehe ihr zu, dass sie vielleicht beides wollte, auch wenn sie es aus ideologischen Gründen möglicherweise nicht durfte.

Denn zum Kern der Genderideologie gehört das Diskriminierungsverbot. Das zu kontrollieren ist weiter nicht schwierig, solange der Diskriminierer, also der Täter, ein alter weißer Mann ist. (Dieser ist zum Lieblingsfeindbild der Genderfeministinnen avanciert, weil er in deren Weltbild die Summe aller Privilegien verkörpert. Er ist der Unterdrücker par excellence.) Dann ist die Sache klar. Aber schon beim alten schwarzen Mann wird die Sache heikel. Dann haben wir nämlich auf der Täterseite jemanden, der aufgrund seiner Hautfarbe selbst Angehöriger einer Opferkohorte ist. Und dass Opfer andere Opfer diskriminieren, ist ein Problem, das im Genderpanorama eigentlich nicht vorgesehen ist und für das die Genderideologie bis heute keine griffige Lösung gefunden hat.

Noch komplizierter würde es mit einer alten schwarzen Frau als Täterin, denn die wäre immerhin doppelt benachteiligt qua Hautfarbe und Geschlecht. Und so könnte man Benachteiligung auf Benachteiligung kumulieren und sich in der eigentlich übersichtlich gedachten Täter-Opfer-Welt im Dickicht der Mehrfach-Benachteiligungen hoffnungslos verheddern.

Wie beispielsweise soll man umgehen mit einer Situation, in der eine schwarze lesbische Frau (dreifach stigmatisiert) einen weißen transsexuellen Rollstuhlfahrer (zweifach stigmatisiert) diskriminiert? Werden für diesen Fall irgendwelche Algorithmen bereitgehalten, mit deren Hilfe sich eine Opferhierarchie ermitteln lässt? Und was würde dann daraus folgen? Dass der Höherrangige eine Diskriminierung frei hat?  Wäre interessant zu wissen. Aber verschieben wir das auf später.

Wenn also Angehörige der Opfergruppe „Migrant“ in großer Zahl Angehörige der Opfergruppe „Frau“ überfallen und  sexuell nötigen, dann ist das Dilemma groß.

Frau Wizorek versucht es zu lösen, indem sie tatsächlich ein Opfer-Ranking einführt. Gegenüber der Opfergruppe „Migrant“ betrachtet sie die Opfergruppe „Frau“ offenbar als nachrangig. Weshalb sonst richtet sich der Tenor ihres Zwischenrufs primär gegen einen nicht näher belegten Rassismus? Und weshalb sonst sind ihr die von den sexuellen Übergriffen betroffenen Frauen gleichgültig?

Hat Weinstein sich verkalkuliert?

Auf einen ähnlichen Konflikt stößt man bei genauerem Hinsehen auch in der #MeToo-Debatte. Denn Harvey Weinstein ist New Yorker Jude, genießt also per se Opferstatus. (Auch wenn das manchem Gutmenschen jetzt reflexhaft die Zornesröte ins ansonsten blasse Gesicht treibt – aber der reine Verweis auf das Judentum einer Person und die daran geknüpften Implikationen ist kein Antisemitismus. Ein solcher wäre es, wenn ich ihr Judentum angriffe oder gar ursächlich mit ihren Verfehlungen zusammenbrächte – was ich nicht vorhabe.)

Aktuell erleben wir jedoch erneut – ausgelöst durch die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten, Jerusalem als Hauptstadt Israel anzuerkennen - wie der Antisemitismus-Vorwurf politisch instrumentalisiert wird. Gegen jeden, der Kritik an Trumps Entscheidung wie auch am offiziellen Handeln des Staates Israel übt - und da gibt es weiß Gott einiges, was sich mit guten Gründen kritisieren ließe - , wird unfehlbar die Antisemitismus-Karte gespielt. Dasselbe gilt eben auch für die persönliche Kritik an einem Juden, die sich ausdrücklich nicht auf sein Jüdischsein, sondern – wie im Falle Weinstein – auf sein Sozial- und Sexualverhalten bezieht.

Harvey Weinstein steht also auch für einen Konflikt, in dem die Genderfraktion sich entscheiden muss, welcher Opfergruppe sie Vorrang einzuräumen gedenkt: Dem Juden Weinstein oder den von ihm malträtierten Frauen.

Nun, die #MeToo-Welle hat sich entschieden – gegen Weinstein, für die Frauen.

Aber könnte es nicht doch auch sein, dass Harvey Weinstein sich verkalkuliert hat? Dass er in seinem Handeln lange darauf vertrauen konnte, von seinem Opferstatus geschützt zu werden? Und müsste man daraus letztlich nicht den Schluss ziehen, dass das gutmenschliche Denken in Opferkategorien die Weinstein'schen Übergriffe begünstigt und sich dadurch selbst ad absurdum geführt hat?

Flaues Statement von Judith Butler

Und könnte es des Weiteren sein, dass Judith Butler – ebenfalls New Yorker Jüdin – sich deshalb nur höchst flau zur Causa Weinstein äußert? Nämlich, in einem Interview mit der Aargauer Zeitung, wie folgt:

Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass die Zeugnisse gegen Weinstein giftig waren, ich nahm es eher so wahr, dass Frauen einander ruhig traurige Geschichten erzählten. Doch die Häufung dieser Geschichten führte zur Wahrnehmung, dass wir uns alle auf einen Mann stürzen. Dabei haben wir doch ein viel größeres Problem: Sexuelle Gewalt zieht sich durch so viele Institutionen, in der Ausbildung, im Militär, am Arbeitsplatz, sie ist überall.“

Judith Butler strickt dieselbe Masche, die wir bereits von Anne Wizorek kennen: Sie löst das Dilemma zum Schein, indem sie den Fokus ihrer Betrachtungen auf angebliche Strukturen lenkt, wieder ohne Beleg. Über die betroffenen Frauen - wieder - kein Wort.

Und in den Händen dieser Frauen soll die Gleichberechtigung aller Frauen gut aufgehoben sein?

Der Bock sucht einen Job als Gärtner.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


Mein Blog

Moderne Wiedertäuferinnen


Text der Woche

Nr. 3/2018:

"herz wie hose"