Martin Elsbroek
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Wortkunst


Auf Kriegsfuß mit dem Dreisatz

(c) Martin Elsbroek


"Wer 100% leistet, darf nicht 21% weniger verdienen.“

Die SPD konnte es sich im Wahlkampf 2017 nicht verkneifen, mit dem sogenannten Gender Pay Gap um Wähler*innen zu buhlen. Zu verlockend war wohl die Aussicht auf einen schnell verdienten Entrüstungsprofit; man muss ja nur den Volkszorn ein wenig mit empörenden Zahlen füttern. Hat wohl nicht so ganz geklappt.

Denn jedes Kind weiß doch, dass es zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern Tarifverträge gibt, die solche Ungleichbehandlung ausschließen. Diese Tarife kann der Bundesminister für Wirtschaft sogar allen nicht tarifgebundenen Betrieben verbindlich vorschreiben. Damit ist klar, dass eine Frau mit definierter Tätigkeit, Qualifikation, Berufserfahrung, Familienstand und Alter keinen Cent weniger verdient als der männliche Kollege mit denselben Merkmalen. Für den öffentlichen Dienst gilt dasselbe. Eine Grundschullehrerin verdient keinen Cent weniger als ihr männlicher Kollege – vorausgesetzt, sie erfüllt dieselben Merkmale.

Genau daran hapert's. Viele Frauen arbeiten in Teilzeit, haben keine Funktions- oder Leitungsstellen inne oder aufgrund von familiär bedingten Auszeiten geringere Berufserfahrung. Oder alles zugleich. Wenn man die natürlich mit ihren männlichen Kollegen in Vollzeit ohne Familien- und Erziehungszeit vergleicht, die zudem noch Leitungsaufgaben wahrnehmen – ja, dann kann es sein, dass man auf ein Einkommensminus in der behaupteten Größenordnung kommt. Aber diese Frauen haben im Job eben auch keine 100% geleistet.

Folglich ist die Aussage, dass Frauen bei identischer Leistung 21% weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen, schlicht falsch. Und deshalb unseriös. Fake News.

Spätestens an dieser Stelle kommt üblicherweise das erste „Ja, aber“: Ja, aber Frauen werden doch durch das herrschende Rollenmodell (engl.: Gender) förmlich zu Teilzeitarbeit, Familienzeit etc. gezwungen. Soll halt der Mann zu Hause bleiben, den Haushalt schmeißen und die Kinder versorgen.

Kurzsichtige Gleichstellungspolitik

Soll er. Kann er aber auch?

Alle Gleichstellungsbemühungen nützen gar nichts, solange sie sich einseitig auf Frauen beziehen und Männer explizit außen vor lassen. In den Stellenbeschreibungen für Gleichstellungsbeauftragte der meisten Bundesländer kommen die Belange von Männern ausdrücklich nicht vor. Eine Frau, die ermuntert werden soll, Beruf und Familie unter einen  Hut zu bekommen, muss aber mit dem Vater ihrer Kinder kooperieren. Und das funktioniert nur dann, wenn er komplementäre Bedingungen vorfindet. Gibt es die nicht, dann treffen Paare eine pragmatische Entscheidung: Es geht derjenige einer Vollerwerbsarbeit nach, dessen Einkommen höher ist. Und das ist in vielen Fällen der Mann. Die einseitige Bevorzugung von Frauen ist deshalb zu kurz gedacht; die Berufsarbeit von Frauen scheitert am Gender Mainstreaming selbst.

Hier kommt das zweite „Ja, aber“ ins Spiel: Ja, aber, dass Frauen in schlecht bezahlte Branchen und Berufe gehen, gehört auch zu ihrem Rollenmodell.

Das Geschlechterparadox

Wirklich?

Schauen wir mal: In jedem x-beliebigen Krankenhaus sind die (schlecht bezahlten) Pflegekräfte meist weiblich, die (gut bezahlten) Ärzte hingegen meist männlich. Dieser Vergleich scheint das „Ja, aber“ zu bestätigen. Und in der Tat gelten gerade in typischen Frauenberufen beschämend niedrige Tarife, in denen sich die gesellschaftliche Geringschätzung weiblicher Arbeit in den Bereichen Pflege, Erziehung und Soziales widerspiegelt. Nur: Die (wenigen) männlichen Beschäftigen in diesen Bereichen werden von diesen Tarifen genauso getroffen. Deshalb halte ich das für ein Problem, das weniger zwischen den Geschlechtern als vielmehr  zwischen den Tarifpartnern zu lösen ist.

Auf keinen Fall jedoch ist es durch eine Gleichstellungspolitik lösbar, die mit gesetzlichen Quoten Männer in Frauenberufe zwingt und umgekehrt.

In einem Interview mit der FAZ sagt die kanadische Psychologin Susan Pinker: „Je fortgeschrittener die Emanzipation in einem Land ist, desto häufiger wählen Mädchen die klassischen Frauen-Fächer. Der Anteil weiblicher Physik-Studenten liegt in arabischen Staaten deutlich höher als in Westeuropa. Auch in Asien beweisen Frauen sich in Männer-Domänen. Bei uns dagegen machen sie, wozu sie Lust haben. Das ist eine Folge der Emanzipation, die so niemand erwartet hat.“

Und der Schweizer „Weltwoche“ sagte sie: „Wären Frauen eine Version von Männern, würde man das Gegenteil erwarten: dass sie sich bei mehr Auswahlmöglichkeiten in grösserer Zahl für männliche Berufe und männliche Arbeitszeiten entscheiden. Aber nirgends ist der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Karrieren unterschiedlicher als in Ländern wie Kanada, Grossbritannien, Deutschland, der Schweiz, Norwegen und Japan, die Frauen ein Höchstmass an Optionen bieten.“

Diskriminierung oder Ausdruck weiblicher Wahlfreiheit?

Ist also die Lohnlücke von 21% womöglich gar kein Ausdruck von Diskriminierung?

Diese Zahl bezeichnet zunächst einmal den unbereinigten Gender Pay Gap. Sie ergibt sich, wenn man die Bruttoverdienste aller Frauen mit den Bruttoverdiensten aller Männer vergleicht, und zwar völlig unabhängig von Branche, Beruf, Beschäftigungsumfang, Berufserfahrung Leitungsaufgaben und Qualifikation.

Bereinigt man den Vergleich um all diese Faktoren, so bleibt laut Statistischem Bundesamt eine nicht erklärte Lohndifferenz von 5,84% für das Jahr 2014 übrig.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft hingegen berechnet den Pay Gap nicht auf der Datenbasis aller Beschäftigten, wie das Statistische Bundesamt es tut, sondern anhand der Daten des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP), eines seit dreißig Jahren laufenden Zensus von 22000 Personen aus 10000 Haushalten, der jährlich wiederholt wird. Aus dem Bestand dieses Panels haben die Forscher Männer und Frauen mit denselben Berufs- und Einkommensmerkmalen zu Paaren zusammengefasst und miteinander verglichen. Dabei ergab sich ein Pay Gap von nur noch 2 %.

Der lässt sich zwanglos erklären mit Einkommensunterschieden in (Führungs-)Positionen mit nicht tarifgebundenen Gehältern, die frei ausgehandelt werden. Frauen verhandeln oft weniger hart als ihre männlichen Mitbewerber, was zu entsprechenden Gehaltsdifferenzen führt. Dies wiederum könnte damit zusammenhängen, dass Frauen in der Gestaltung ihres Berufslebens andere Prioritäten setzen als Männer. Für sie besitzt das Sozialprestige, das stark an den Status und die Einkommenshöhe der Tätigkeit gekoppelt ist, einen geringeren Stellenwert als für Männer. Für sie zählen berufliche und private Zufriedenheit mehr. Das könnte die unterschiedlichen Verhandlungsstile erklären.

Unabhängig davon, welchen Wert man hier für den plausibleren  halten will, scheint mir folgende Aussage des Hans-Böckler-Instituts zutreffend: „Der erklärte Anteil des Pay Gap ist keineswegs frei von Diskriminierungen, wie umgekehrt die bereinigte Lohnlücke nicht mit Entgeltdiskriminierung gleichzusetzen ist.“

Denn zweifellos gibt es keine direkte, unmittelbare Diskriminierung nach dem Schema: Du bist Frau, also kriegst du weniger. Sehr wohl aber gibt es versteckte Diskriminierungen im Detail; z.B. in Gestalt mieser Tarife für typische Frauenberufe. Die müssen aber auch genau dort behoben werden.

Andererseits ist der bereinigte Gender Pay Gap nicht zwingend ein Ausdruck von Diskriminierung, sondern eben auch von weiblicher Wahlfreiheit.

Wie definieren Frauen "Erfolg"?

Susan Pinker sagte der Zeitschrift „freundin“: „Frauen haben sich selbst immer mit der Schablone des männlichen Ideals verglichen und sie haben gemerkt, dass sie da nicht hinein passen. Frauen, die im Arbeitsalltag sehr engagiert und zielstrebig waren, die viel Geld verdient haben und sehr schnell die Karriereleiter hinauf geklettert sind, verspürten beispielsweise ein massives Gefühl der Unzufriedenheit – etwas, das Männern selten passiert. Denn Frauen haben ein ganz anderes Verständnis von Erfolg.“

Dieses Verständnis präzisiert sie wie folgt: „Die weibliche Auffassung von Erfolg macht sich nicht an Geld und Status fest. Frauen wollen eine befriedigende und erfüllende Karriere, aber auch ein ausgefülltes Familienleben, was nicht zwingend Kinder implizieren muss. Frauen wollen Zeit haben, um Freunde zu treffen, einem Buchclub anzugehören oder ihre Eltern zu sehen. Erfolg ist für Frauen eben nicht nur auf den Job reduziert, sondern ebenso auf das soziale Leben. Sie sind nicht so auf die Karriere fixiert. Ich meine damit nicht, dass Frauen ihre Karriere für ein Leben als Hausfrau eintauschen würden. Viele 'Karriere-Frauen' entscheiden sich im Laufe ihres Lebens dazu, in einem anderen Bereich zu arbeiten oder bleiben lieber Stellvertretende Chefin als den Posten als Leiterin anzunehmen.“

Auf Kriegsfuß mit dem Dreisatz

Wenn also interessierte Kreise weiter den Eindruck zu erwecken versuchen, Frauen bekämen bei gleichen Voraussetzungen 21% weniger Geld und müssten deshalb 21% länger arbeiten, um auf denselben Verdienst zu kommen, so offenbaren sie damit ein gestörtes Verhältnis nicht nur zu den Fakten, sondern auch zur Mathematik. Der einfache Dreisatz reicht aus, um zu ermitteln, dass – 220 Arbeitstage jährlich vorausgesetzt – ein Minderverdienst von 21% nur durch eine Mehrarbeit von 58 Tagen ausgeglichen werden kann, und das entspricht 27% Mehrarbeit. Das wird den Gender Mainstreamern von den Betreibern der „Unstatistik des Monats“ seit Jahren unter die Nase gerieben. Erfolglos.

Vielleicht sollte man Wissenschaft doch besser Fachleuten überlassen. Oder geht es vielleicht gar nicht um Fakten?

Viele Wähler*innen hat die SPD mit diesem Fake jedenfalls nicht beeindruckt. Na, bitte. So dumm, wie manche Wahlkämpfer glauben, sind Frauen dann doch nicht.