Martin Elsbroek
/

Wortkunst



In der Falle

© Martin Elsbroek

Bei bestimmten Themen überkommt mich gelegentlich der Impuls, bevor ich einen Text beginne, ein Statement darüber abzugeben, was ich mit ihm nicht beabsichtige.

Das ist, der Leser wird es sich denken, bei besonders kontroversen Themen der Fall, bei denen ich förmlich erwarte, gründlich missdeutet zu werden. Wie zum Beispiel beim Thema „feministischer Opferstatus“.

An diesem Punkt wird mir natürlich klar, dass eine solche Präambel sich erübrigt, weil man bei diesem Thema zwangsläufig missdeutet wird, wie ich im Folgenden zu zeigen versuche.  

Kürzlich wählte das Göttinger Tageblatt (GT) ein großformatiges Foto als Aufmacher, welches eine Hand zeigt, die nach einem augenscheinlich weiblichen Gesäß greift. Okay, denke ich, die Taten des Mr. Weinstein aus Hollywood sind in aller Munde, also wird die Lokalzeitung ebenfalls ein paar Weisheiten zum Thema beitragen. Das Bild führte dann, wie erwartet, zu einem Artikel im Innern des Blattes.

Der Text bezog sich u.a. auf den Hashtag #teamGinaLisa mit der Behauptung, auch dieser wolle „... das Thema sexuelle Belästigung an die Öffentlichkeit bringen, zeigen, dass diese Alltag in unserer Gesellschaft ist - und sich ändern muss.“ Das ist starker Tobak, denn Gina Lisa Lohfink wurde im August 2016 wegen falscher Verdächtigung zweier junger Männer vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe in Höhe von 80 Tagessätzen verurteilt.  Frau Lohfink hatte die beiden jungen Männer wegen einer Vergewaltigung angezeigt, die es nie gab.

Missbrauch des Sexismus-Vorwurfs

Sich vor diesem Hintergrund auf den Unterstützer-Hashtag #teamGinaLisa zu beziehen, dem sich seinerzeit auch Manuela Schwesig angeschlossen hatte, ist folglich kein Akt gegen Sexismus; es sei denn, frau nimmt Sexismus auch dann als solchen wahr, wenn er sich gegen Männer richtet. Aber da das Gender-Weltbild derlei nicht vorsieht, ist dieses Urteil eher ein Beweis für den Missbrauch des Sexismus-Vorwurfs.

Aber das hatte ja bereits der Fall Kachelmann gezeigt. Es gibt offensichtlich Frauen, die unter Rückgriff auf den Opfermythos das Strafrecht ihren Rachegelüsten (wie im Fall Kachelmann) oder ihrem Bekanntheitsgrad (wie im Fall Lohfink) dienstbar zu machen versuchen. Nach dem Urteil wurde Frau Schwesig ihr Engagement derart peinlich, dass sie Fragen dazu nicht mehr zuließ.

Natürlich wurde dieses Urteil gescholten: „Angriff auf die Definitionsmacht der Frauen“ (heise.de), „pervertierter Rechtsstaat“ (fr.de), „Im Zweifel gegen die Angeklagte“ (taz.de) und natürlich hält die unvermeidliche Alice Schwarzer das Urteil für einen „Skandal“ (noz.de). Alles Andere hätte uns auch gewundert. Aber die Revisionsinstanz, das Kammergericht zu Berlin, sah die Sache genauso wie das Amtsgericht, bestätigte das Urteil und verlieh ihm Rechtskraft.

"Sexismus" ist alles, was frau nicht passt

Ach ja, die weibliche "Defintionsmacht", das Glaubensbekenntnis des Feminismus: Sexuelle Gewalt sei keine Frage der Objektivität; sexuelle Gewalt sei genau dann gegeben, wenn eine Frau sie subjektiv als solche empfinde. Es komme einzig auf die persönliche Betroffenheit an, und darüber könne niemand anders befinden als das Opfer selbst.

Nähme man derlei ins Strafrecht auf, könnte man den Banken ebensogut zugestehen, "Bankraub" zu definieren. Dann käme jeder in den Knast, der einen Geldautomaten benutzt.

Genau diese Haltung, nämlich Fakten zu ignorieren und für die weibliche Hälfte der Menschheit Opferstatus zu beanspruchen, durchzog den gesamten weiteren GT-Artikel. Aus kurzen Statements mehrerer  Frauen erfuhr man, dass Sexismus alles ist zwischen anzüglichen Blicken im Aufzug und den Zudringlichkeiten eines Ausbildungslehrers. Darauf war man durch das Aufmacherbild – Hand grapscht nach Po – ja schon eingestimmt. Aber dann wurden plötzlich auch noch die Themen Lohngleichheit, Machtverhältnisse und Frauenquote in diese Sauce gerührt, so dass ich mich am Ende fragte: Worum geht’s hier eigentlich?

Mein Eindruck: Sexismus ist alles, was frau nicht passt.  

„Das narzisstische Selbst“, schreibt Ijoma Mangold, „hält sich fortwährend für die verfolgte Unschuld, trompetet laut seine Ansprüche heraus und verhaftet gerne die anderen (die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft) für die eigenen schlechten Gefühle. Der schwer zu ertragende Umstand, dass man nur das ist, was man ist, wird der diskriminierenden Gewalt der Gesellschaft zugeschrieben, die eben nur den heterosexuellen weißen Mann an die Fleischtöpfe der Macht und des Geldes heranlasse.“

In der Wahrnehmung des Feminismus nämlich sind alle Probleme einer Frau grundsätzlich durch das Patriarchat verursacht, für seine eigenen ist stets der Mann selbst verantwortlich.

Wenn frau sich angeschaut fühlt, empfindet sie es als anzüglich. Fühlt sie sich ignoriert, beklagt sie fehlende „Visibility“. Bekommt sie ein Kompliment, kann der Urheber nur ein aus der Zeit gefallener Macho sein. Bekommt sie keines, fehlt es ihr an Wertschätzung. Hält man ihr die Tür auf, empfindet sie es als herablassend, andernfalls als grob unhöflich.

Mischung aus Beliebigkeit und Verfolgungswahn

Es ist genau diese feministische Mischung aus Beliebigkeit und Verfolgungswahn, diese von jedem (Selbst-)Zweifel gereinigte Überzeugung des Gutmenschen, diskriminiert zu werden und genau deshalb im Recht zu sein, die es selbst gutwilligen Männern unmöglich macht, die Kluft zwischen den Geschlechtern zu überbrücken, selbst und gerade dann, wenn sie die Anliegen der Frauenbewegung eigentlich teilen.

Nach Dieter E. Zimmer ist das Gutmenschentum, die Political Correctness (PC), „... unbarmherzig dichotomisch: Was nicht politisch korrekt ist, ist eben unkorrekt. Grauzonen des Zweifels räumt sie nicht ein … Wer das Lager der PC in einem Punkt verlässt, wird sofort in das des Feindes eingewiesen. Sie ist zudem durch und durch moralisch: Das Inkorrekte ist nicht nur falsch, es ist böse.“

Genau das ist das Problem. Diese Pose entzieht jeglicher Verständigung a priori den Boden. Denn wozu soll mit dem Bösen geredet werden? Mit ihm kann es keinen Ausgleich geben, also erübrigt sich jeder Diskurs.

Dieser Gestus findet seinen vollkommensten Ausdruck im letzten Satz des eingangs erwähnten Artikels aus dem Göttinger Tageblatt. Dort wird die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Göttingen mit der Aussage zitiert, allein die Behauptung, dass es Gleichberechtigung schon gebe, „... das ist im Grunde auch sexistisch, denn dass das nicht stimmt, wissen wir.“

Nichts illustriert das von mir Gemeinte besser als dieser Satz, nichts spitzt es schärfer zu. Diese Phrase bringt die Hybris des Feminismus, das Schmoren im eigenen Saft, das selbstreferentielle Rotieren in den immer selben Denkschleifen, die reflexhafte Abwehr jedweden Zweifels auf eine griffige Formel: „Wir wissen es. Und wer anderes sagt, ist sexistisch.“ Basta.

Der Feminismus will keinen Diskurs, er verlangt Unterwerfung.

Der Feminismus macht sich zum Horst

Dass er damit seinem eigenen Anliegen einen Bärendienst erweist, scheint er nicht zu begreifen. Denn wer nimmt noch einen Vorwurf ernst, der standardmäßig, reflexhaft und lautstark jeder männlichen Lebensäußerung gemacht wird? Der die männliche Hälfte der Menschheit permanent unter Generalverdacht stellt? Ein solches Schwert wird schnell stumpf, der Feminismus macht sich zum Horst. Vor allem, wenn er sich dann auch noch so maßlos vergaloppiert wie in der Causa Lohfink.

„Löst man so oft Fehlalarm aus, wird einem nicht mehr geglaubt, wenn das Haus wirklich brennt. Nicht nur das Wort Feminismus hat seinen Schrecken verloren - dem Begriff Sexismus ist seine moralische Kraft abhanden gekommen und damit die Schutzfunktion, die er mal hatte“, schreibt Elisabeth Raether.

Und Frau Lara Venghaus schreibt in ihrem Leserbrief an DIE ZEIT (Nr.45/17): "Mit Verwunderung verfolge ich die #MeToo-Kampagne in den sozialen Medien und auch in der Presse. [...] Ich lese von meiner Bekannten, wie jemand 'zufällig' seine Hand beim Verlassen der U-Bahn auf ihren Po legte. Ich lese von Katharina Barley, wie sie eine Hand auf ihrem Knie anprangert. Was diese Frauen offenbaren, ist, dass sie keine Ahnung haben, was sexuelle Übergriffe sind. Ich wurde mit zwölf vergewaltigt. Vom besten Freund meiner Mutter. Es gibt viel zu viele Frauen auf dieser Welt und auch in diesem Land, die ein ähnliches Schicksal mit sich tragen. [...] Die #MeToo-Kampagne jedoch banalisiert meines Erachtens genau diese Vorfälle. Sexuelle Belästigung ist nun nichts Besonderes mehr, es ist ja quasi jeder Frau schon passiert. Kann es ein Fortschritt sein, sexuelle Übergriffe zu banalisieren? Wird nicht durch diese Kampagne erst eine Bagatellisierung erreicht?"

Niemand sollte sich also wundern, wenn die männliche Hälfte der Menschheit das derzeitige #metoo-Getwitter überwiegend für ein gezieltes PR-Manöver, wenn nicht für Folklore hält.

Denn lassen wir die Kirche doch im Dorf: Was ist eigentlich passiert?

Ein unappetitlicher, dicker Mann aus Hollywood mit viel Macht im Showbusiness verschaffte sich auf erpresserische Weise Sex im Tausch gegen Engagements beim Film. Der Buschfunk wusste davon seit langem, aber niemand redete, niemand zerrte Herrn Weinstein vor den Kadi.

Muss ich jetzt wirklich versichern, dass ich Weinsteins Verhalten unzumutbar, übergriffig und strafwürdig finde? Muss ich wirklich betonen, dass derlei konsequent und angemessen bestraft gehört?

Der Affekt des Misstrauens

Eben weil ich das finde, stelle ich die Frage, warum niemand dieses offene Geheimnis zur Anzeige brachte. Denn Weinsteins Übergriffe galten nicht Lieschen Müller. Sie galten illustren Namen wie Alyssa Milano, Kate Winslet, Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow. Diese Damen sind nicht irgendwer; sie sind berühmt, sie sind reich, sie haben Einfluss. Und deshalb hatten sie, anders als Lieschen Müller, eine echte Handlungsalternative. Sie hätten Nein sagen und auf ein Engagement verzichten können. Sie taten es nicht.

Vielleicht, weil dazu deutlich mehr Mut gehört als einen Betroffenheits-Tweet abzusetzen?

Wohlgemerkt: Ich stelle nicht in Abrede, dass es sexuelle Gewalt gibt. Und jeder einzelne Fall ist ganz klar einer zuviel.

Aber ich ziehe in Zweifel, dass es sexuelle Gewalt in dem Umfang gebe, wie die #metoo-Kampagne uns glauben machen will. Und ich bestreite, dass, wie behauptet wird, sexuelle Gewalt unseren Alltag regiere. Und ich stelle vehement in Abrede, dass die gesamte männliche Hälfte der Menschheit Gewalt als legitimes Mittel ansehe, sich Frauen gefügig zu machen. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, Frauen pauschal als Kindsmörderinnen zu beschimpfen, nur weil Kindsmord durch Mütter vorkommt.

Vor allem aber halte ich das gezielte Nachheizen des Empörungskessels für ein zutiefst fahrlässiges Spiel mit dem Feuer, denn was, wenn der Kessel uns irgendwann um die Ohren fliegt? Was, wenn irgendwer sich wieder einmal dazu bemüßigt fühlt, im Dienste der "gerechten" Sache zur Knarre zu greifen? Übertrieben? Bitte sehr:

"Bildet Banden, macht sie platt, Macker gibt's in jeder Stadt", skandierten die Unterstützerinnen von Gina Lisa Lohfink, nachdem das Urteil gegen sie gesprochen war.

Die Autorin Mirna Funk sagte im April 2017 in einem Interview: „Wir müssen eine feministische Terror-Gruppe gründen und die alten weißen Männer aus dem Weg schaffen.“

Und schließlich fabuliert die Gender-Forscherin Claudia Brunner 2010 in einem Interview mit dem österreichischen "Standard" davon, dass die Medien Terroristen als "brutal und irrational" darstellten, um von deren politischen Zielen abzulenken. Was will Frau Brunner uns damit sagen? Dass es vielleicht hehre politische Ziele gebe, die den Einsatz von Terror rationalisieren?

Nicht zu vergessen: Die Dauerempörung verhindert zuverlässig und nachhaltig die Einsicht, dass Frauen und Männer mehr verbindet als trennt.

War das vielleicht die Absicht?

Miriam Lau ist der Ansicht, das eigentlich Schlimme am Feminismus sei „... nicht die Armada von Gleichstellungsbeauftragten, sind nicht Reglementierungen und Quoten, die er hervorgebracht hat. [...] Das Deprimierende ist der Affekt des Misstrauens, den all das aussendet. [...] Weder Männer noch Frauen sind in diesem Weltbild wirklich handlungsfähige Akteure; Männer sind Täter, Frauen sind Opfer, keiner kann raus aus seiner Haut.“

Wenn du dich also auf einen Flirt einlässt, muss dir klar sein, dass dieses spannende Spiel mit Blicken, Gesten und Worten, das jeder Paarwerdung vorausgeht, absolut uneindeutig ist und damit für jedwede Interpretation offen. Für den Fall, dass eine Dame den Flirt missdeutet, sei es irrtümlich oder absichtsvoll, steckst du plötzlich in der Falle. Denn die Arschkarte kriegst immer du.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


Mein Blog

Kenntnisreich, differenziert und plausibel


Text der Woche

Nr. 47/2017:

"Sinnfreies Anagramm"