Martin Elsbroek
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Wortkunst


Wunderbare Unschuld

© Martin Elsbroek

Zu meinem Blogeintrag vom 16. Oktober 2017  ("Was hat der Gutmensch mit dem Nazi zu tun?") bekam ich die Rückmeldung, ich möge doch auf die Verwendung des Begriffs „Gutmensch“ verzichten. Der sei sowas von no go. Erstens sei er keine sachliche Kategorie, sondern eine Meinungskeule. Ausschließlich dazu gedacht, Andersdenkende mundtot zu machen. Und als solcher transportiere er  - zweitens - keine Informationen, die ich nicht auch anders ausdrücken könnte.

Aber müsste dasselbe nicht auch für „Nazi“ gelten? Und, wenn ja, warum wurde dann diese Vokabel nicht beanstandet?

Ich erinnerte mich daran, dass Dieter E. Zimmer vor vielen Jahren in einem Essay schrieb, die PC (Political Correctness) sei „... das Wunder eines logisch einwandfreien Paradoxes: die Illiberalität im Namen der Liberalität.“ Dieses Paradox funktioniere nach folgendem Zirkelschluss: „Da zu den eigenen Meinungen ja das unbedingte Bekenntnis zum Meinungspluralismus gehört, ist eine Infragestellung der eigenen Meinungen immer auch gleichzeitig ein Angriff auf den Pluralismus, mithin auf die Demokratie, mithin irgendwie 'faschistisch'.“

Fühlte sich die wohlmeinende Urheberin obiger Rückmeldung vielleicht auf den Schlips getreten? Kriegte sie vielleicht die Kurve aus besagtem Zirkel nicht? Das würde die allergische Reaktion auf den „Gutmensch“ ebenso erklären wie die billigende Inkaufnahme des „Nazi“.

In einer ersten Annäherung würde ich als „Gutmenschentum“, das ich als Synonym  zur angelsächsischen „Political Correctness“ (PC) auffasse, eine Haltung bezeichnen, deren Vertreter sich permanent aufgerufen fühlen, ihre Mitmenschen moralisch zu bevormunden. Harald Martenstein geht noch einen Schritt weiter, indem er schreibt, der Gutmensch glaube, dass er „... im Kampf für das, was er für 'das Gute' hält, von jeder zwischenmenschlichen Rücksicht und jeder zivilisatorischen Regel entpflichtet ist.“

Das Gute

„Das Gute“ tummelt sich vorzugsweise auf Themenfeldern, die von der linken Hälfte des politischen Spektrums bespielt werden: Kapitalismuskritik, Ökologie, Friedensbewegung, Antiimperialismus,  Feminismus, Migration,  Homosexualität etc. – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Gemeinsam ist diesen Themen dreierlei: Erstens entstammen sie dem ideologischen Erbe und der politischen Agenda der 68er Generation. Zweitens sind die 68er mit dieser Agenda im Großen und Ganzen gescheitert, woraus für ihre Epigonen - drittens - das Motiv erwächst, sich als Opfer zu fühlen und nachträglich wenigstens moralisch recht behalten zu wollen. Aus beidem, dem Opferstatus und der Besserwisserei, ziehen sie die Legitimation für ihr Sendungsbewusstsein wie auch für ihre autoritäre Moral.

Ijoma Mangold ist der Auffassung, wir lebten in einer Zeit, „... in der man Ansprüche durchsetzt, indem man sich als Opfer definiert […] Längst haben wir die peinliche Situation, in der es vor Opfern nur so wimmelt, aber keiner mehr ein Täter ist. [...]  Der schwer zu ertragende Umstand, dass man nur das ist, was man ist, wird der diskriminierenden Gewalt der Gesellschaft zugeschrieben, die eben nur den heterosexuellen weißen Mann an die Fleischtöpfe der Macht und des Geldes heranlasse.“

Greift man aus dieser Themenpalette einmal den Feminismus in seiner radikalen Variante, dem Gender Mainstreaming (GM), heraus, das derzeit wie kein anderes Thema für diese Haltung steht, und legt es unters Mikroskop, dann finden sich mindestens vier verblüffende Parallelen zur Agenda der 68er Revolte.

Natur oder Kultur?

Erstens wurde im Anschluss an 1968 eine breite Diskussion darüber geführt, ob es unsere Gene sind, die uns und unser Verhalten prägen, oder doch eher Erziehung und Sozialisation. Für die 68er war sonnenklar: Alles gesellschaftlich determiniert.

Die Genderfraktion von heute setzt noch eins drauf: Selbst das biologische Geschlecht sei, so behauptet sie, kein Fakt, sondern ein Fake; nämlich eine diskursive Konstruktion, die der Entscheidung jedes Menschen unterworfen und folglich jederzeit änderbar sei. Angeblich erfüllten die Naturwissenschaften für den Herrschaftsanspruch des Patriarchats dieselbe Funktion wie die Theologie für denjenigen der Kirche. Folglich sei der Objektivitätsanspruch der Naturwissenschaften nichts weiter als ein verdeckter männlicher Habitus. Das ist der Ansatz der 68er, konsequent zu Ende gedacht.

Freie Liebe

„Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ lautete – zweitens - die flapsig-plakative Formel, mit der die 68er nicht nur das Sexualleben der Menschen aufmischen, sondern diese auch zugleich befreien wollten – wovon auch immer.

Das wiederum können uns die Gender-Damen ganz genau sagen: „Die heteronormative Kleinfamilie und die romantische Zweierbeziehung sind ideologische Gefängnisse, die Frauen unterdrücken“, zitiert „Der Standard“ eine junge, polyamor lebende Wiener Studentin.

Aus solcher Knechtschaft lässt sich natürlich nur ausbrechen, wenn frau mit mehreren Männern ins Bett geht – nicht unbedingt gleichzeitig, aber doch im bunten Reigen.

Das Zauberwort heißt Polyamorie, womit gemeint ist, „… mehr als eine liebevolle sexuelle Beziehung zur gleichen Zeit zu führen, mit vollem Wissen und Einverständnis der beteiligten Partner. […] Politisch stellt Polyamorie die Idee, dass Zweierbeziehungen die einzig erstrebenswerte oder mögliche Form des Zusammenlebens darstellen …, in Frage ...“

Indem frau sich also mehreren Männern verfügbar macht, unterläuft sie geschickt den patriarchalen Besitzanspruch jedes einzelnen Mannes und bremst damit das Unterdrückersystem aus. Dass frau erst jetzt darauf kommt! Na, großartig. Aber nicht originell, denn es ist Schnee von gestern. Es lief bei den 68ern schon unter „freie Liebe“. Aber es lief schlecht, weshalb die große Revolution ausblieb. Manchmal scheitert die große Weltrevolution nämlich an so profanen Gefühlen wie Eifersucht & Co.

Nur am Rande: Es ist in hohem Grade erheiternd, wenn eine derart humorlose Ideologie wie das GM, das die Geschlechterfrage von jeglicher Realität abkoppelt, indem sie ihre natürliche Genese leugnet, in Sachen Polyamorie plötzlich doch Zuflucht sucht bei biologischen Argumenten: "Der Sexologe Heinz Meyer, der eine 'Geschichte der menschlichen Sexualität' veröffentlich hat, kommt zu der klaren Aussage: 'Der Mensch ist von Natur aus polytrop'. Polytrop bedeutet, er hat eine allgemeine Neigung, sich an mehr als einen Partner zu binden, im Gegensatz etwa zu Tauben oder Dohlen, bei denn lebenslange Monogamie bis ins Witwenstadium die Regel ist. Dafür gibt es biologische und biochemische Argumente, z.B. die nahe Verwandtschaft zu den polytropen Kulturen der Schimpansen und besonders der Bonobos, die Tatsache, dass es Blockierer- und Killerspermien gibt, sowie die relativ hohe kulturelle Vielfalt polygynen und polyandrischen Formen in menschlichen Gesellschaften."

Der alte weiße Mann

Drittens bestand das zentrale Motiv der 68er Revolte darin, die NS-Verstrickungen der Elterngeneration abzustreifen, indem man diese selbst, ihren überkommenen Autoritarismus und ihren unsäglich gestrigen Lebensstil angriff. Es fand also eine Art symbolischer Entnazifizierung der Eltern durch die Kinder statt.

Im Gender-Feindbild des „alten, weißen heterosexuellen Mannes“, der sich zum „Patriarchat“ verschworen habe, um alles Weibliche zu knechten, fließt das  rassische Ideal der Nazi-Ära, der Arier, mit dem Bild des Sklavenhalters aus den Südstaaten zusammen. Dass „Nazi“ in der queeren, antiimperialistischen, autonomen Szene zum ultimativen Schmähreflex avancierte, hat mit diesem Hintergrund zu tun.

Marsch durch die Institutionen

Viertens schließlich bliesen die 68er zur Durchsetzung ihrer Ideale zum „Marsch durch die Institutionen“. An dessen Ende sollte eine befreite und glücklichere Menschheit, kurzum: eine bessere Welt, stehen. In Massen strömten die 68er und ihre Jünger in Politik, Verwaltung, Schulen und Verlagshäuser mit dem Anspruch, die Republik umzukrempeln.

Denselben Anspruch erhebt das Gender Mainstreaming. Es ist in der Agenda der Bundesregierung längst angekommen, ohne dass es auch nur einmal zur Wahl gestanden hätte. „Die Gender Mainstreamer sind so wie die gescheiterten Kommunisten im Begriff, ihre Weltformel mit pseudowissenschaftlicher Massenliteratur zu unterlegen, in Gesetze zu pressen und lautlos in allen Ministerien zu implementieren“, schreibt Bettina Röhl. Sie hält GM durchaus für gefährlich, und zwar „... wegen antimaskuliner Parteinahme, wegen historisch begründeter Rachelegitimationen und weil GM nicht am Zusammenleben der Geschlechter interessiert ist, sondern an der Schaffung neuer Herrschaftsverhältnisse unter dem hehren Wort der Gleichberechtigung.“

Die Wiederkehr des Autoritären

Die Hoffnungen auf eine sozialistische Gesellschaft mussten die 68er begraben, aber sie wurden meinungs- und stilbildend und trugen so dazu bei, die autoritären Strukturen der unmittelbaren Nachkriegsepoche aufzubrechen.

Ijoma Mangold glaubt, dass „... der PC-Diskurs ... in dem Moment ein[setzt], in dem aus der alten Disziplinargesellschaft die moderne (Selbst-)Kontrollgesellschaft wird. Wo früher das Über-Ich herrschte und den klassischen Zwangsneurotiker hervorbrachte, ist in der postautoritären Gesellschaft das narzisstische Ich-Ideal getreten, dass sich nicht nur großartig, sondern auch moralisch korrekt fühlen möchte. [...] Dafür nimmt sie ein System der politmoralischen Überregulierung in Kauf ...“

Damit erreicht PC das genaue Gegenteil des Gewollten, nämlich die Wiederkehr des Illiberalen und Autoritären, wie Maxim Biller findet: „Das Autoritäre, gegen das die 68er gekämpft hatten, kehrte bereits in den Siebzigern zurück. Heute ist nicht mehr der einzelne Professor autoritär, nicht der einzelne Chefredakteur. Heute ist es gewissermaßen jeder, weil jeder auf jeden aufpasst.“

In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass ein Teil des 68er Personals in den Untergrund ging, um als Guerilla die ursprüngliche Agenda doch noch durchzusetzen und die Revolution zu erzwingen. Man kann den RAF-Terrorismus als ultimative Zuspitzung und zugleich Pervertierung eines Gutmenschentums interpretieren, welches sich selbst im Dienste der guten Sache zu Mord und Totschlag ermächtigte.

Vojin Sasa Vukadinovic schreibt über die Gender-Forscherin Claudia Brunner: "Claudia Brunner schließlich, Gender-Expertin für das Reden über Selbstmordattentate, leitet einen Artikel mit der rhetorischen Frage ein, ob es nicht besser wäre, statt von 'Female Suicide Terrorism' von 'Female Suicide Bombing' zu sprechen, da erstere Bezeichnung Massenmord 'als illegitim generalisieren' würde. [...] [Sie] beklagte: 'Terroristen werden durch ihre mediale Darstellung ausschließlich als brutal und irrational gezeigt, um dadurch ihre politischen Ziele unsichtbar zu machen' "

Was möchte Frau Brunner uns damit sagen? Hält sie Terrorismus für legitim, wenn nur das politische Ziel edel genug ist?

Jede Revolution frisst halt ihre Kinder.

„Ich halte das Wort 'Gutmensch' nicht für ein Unwort“, schreibt Martenstein, „Ich finde, es beschreibt einen Typus, für den es ein Wort geben muss.“

Recht hat er. Der Gutmensch ist ein Gesinnungsethiker, den – anders als den Verantwortungsethiker - die Folgen seines Tuns nicht kümmern. Da habe er sich, findet Dieter E. Zimmer, eine wunderbare Unschuld bewahrt: Dass die größte Rechtschaffenheit manchmal nur Schlimmes anrichte, und dass manchmal leider Schlimmes geschehen müsse, um Schlimmeres zu verhüten, sei ihm wohl noch nie aufgefallen.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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Nr. 47/2017:

"Sinnfreies Anagramm"