Martin Elsbroek
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Wortkunst


Wer ist hier ignorant?

© Martin Elsbroek

Im Sommer 1960 machte ich, im Garten meiner Eltern stehend, eine erstaunliche Beobachtung. Auf der Straße, die hinter unserem Garten entlanglief, spazierte ein Mann in leichtem, hellen Sommeranzug, den Kragen seines weißen Hemdes hatte er geöffnet. Er lächelte mich an und zeigte dabei zwei Reihen makelloser Zähne. Was mich jedoch zutiefst verstörte, war sein vollkommen schwarzes Gesicht. Auch an den Händen war er schwarz. Zudem war sein  Kopf bedeckt mit einer feinen Haarkrause, wie ich sie noch nie bei anderen Menschen gesehen hatte. Offensichtlich bemerkte der Mann meine Verwirrung und sprach ein paar Worte zu mir, die ich nicht verstand, meine Verwirrung aber umso größer machten. Ich drehte mich um und lief zu meinem Vater. Der hob mich hoch, damit ich besser sähe, und sagte: „Sieh mal, ein Negerlein.“

Heute ist mir natürlich klar, dass in den Worten meines Vaters eine doppelte Kränkung steckte. Zum einen durch die Bezeichnung eines schwarzen Mannes mit einem Begriff, der in der Sklaverei vergangener Jahrhunderte wurzelte, und zum andern durch die Verwendung des Diminutivs, der auf die rassistische Abwertung noch die Überheblichkeit der Ersten Welt gegenüber der Dritten setzte.

Jahre später kam, warum auch immer, dieser Vorfall wieder zur Debatte, in deren Verlauf eine meiner Tanten, die in Münster Sozialwissenschaften studierte, meinen Vater scharf zurechtwies. Der Begriff „Neger“ sei rassistisch konnotiert und seine Verwendung deshalb illegitim. Mit hilflos erhobenen Armen fragte mein Vater, was er denn statt dessen sagen solle? „Farbiger!“, lautete die  Antwort.

Diese Auskunft führt mitten hinein in jenes Dilemma, welches dem grassierenden zwanghaften Bemühen um politische Korrektheit unterliegt. Denn weitere Jahre später galt auch „Farbiger“ als no go – weil man offenbar gemerkt hatte, dass das Adjektiv "farbig" genau wie "schwarz" auf die Hautfarbe zielt – und wurde durch „Afrikaner“ ersetzt; ein Begriff, der nun die Anspielung auf die Hautfarbe vermied, aber damit die Sache schon weniger traf, denn er schloss schwarze Amerikaner ebenso aus wie Briten, Kubaner und Brasilianer. Deshalb wurde dann bald der "Afro-Amerikaner" aus der Taufe gehoben (der die Briten immer noch ausschloss). Die hilflose Logik dieser zwanghaften Jonglage mit Begriffen funktioniert wie folgt:

Zweifelsohne ist der Begriff „Neger“ rassistisch motiviert. Ersetzt wurde das Wort durch das abstraktere „Farbiger“. Weil die Leute aber offenbar nicht begriffen, warum "Farbiger" weniger diskriminierend sein sollte als „Schwarzer“, wurde auch dieser Begriff entwertet. Er war nun erneut zu ersetzen, und zwar  durch das noch stärker abstrahierende Wort „Afrikaner“. Denn „Afrikaner“ bezog sich nicht mehr explizit auf die Hautfarbe eines Menschen, sondern auf seine geographische Herkunft, konnte also – so das Kalkül - nun nicht mehr rassistisch aufgefasst werden.

Doch weit gefehlt. Dem „Afrikaner“ erging es nicht anders als dem „Farbigen“. Irgendwann entlarvten die politisch Korrekten auch den Begriff "Afrikaner" als kulturimperialistisch und deshalb rassistisch. Die Kölner Polizei musste sich Anfang 2016 massiver Rassismusvorwürfe erwehren, weil sie die Urheber der massenhaften sexuellen Übergriffe am Hauptbahnhof zutreffenderweise als „Nordafrikaner“ bezeichnet hatte. Man hatte zeitweise den Eindruck, den Tätern sei größeres Unrecht widerfahren als ihren Opfern.

Dieses Beispiel zeigt, dass offensichtliche Unterschiede, die man hinter sprachlicher Kosmetik verbergen möchte, weiterhin wahrgenommen werden und wirkmächtig sind. Denn solange das Gemeinte, auch nachdem es umetikettiert wurde, fortbesteht, wirkt es auf die neuen Etiketten zurück und verändert unmerklich deren Sinn. Die Methode „Wo Nutella drauf steht, ist auch Nutella drin“, funktioniert hier nicht. Das klappte schon nicht beim "Entsorgungspark", nicht bei der "geflügelten Jahresendfigur" und auch nicht bei der "Raumpflegerin". In den Köpfen der Leute ist das Gemeinte immer noch das Atommüll-Endlager, der Weihnachtsengel und die Putzfrau. Diese Begriffe sind griffig, konkret und lebensnah; nicht abstrakt, farb- und leblos wie deren ideologisch motivierter Ersatz.

Wer also in die Falle der politischen Korrektheit tappt, wird unablässig gezwungen sein, Begriffe auszutauschen, weshalb es beispielsweise nicht nur müßig, sondern auch dumm ist, in den Texten alter Märchen oder Kinderlieder den Begriff „Negerkönig“ durch „Südseekönig“ zu ersetzen. Wer weiß schon, wann der Südseekönig aufs Schafott der politisch korrekten Sprachjakobiner geschnallt wird? Schon allein deshalb, weil deren Furor sich irgendwann einmal gegen die Darstellung feudaler Strukturen wenden wird und deshalb der "König" weg muss. Wird er dann der "Sprecher des Kollektivs pazifischer Atolle"? George Orwell lässt grüßen.

Das Verb „diskriminieren“ selbst ist ein schönes Beispiel für die Verschiebung von Wortbedeutungen (Denotaten), oder, anders gesprochen, für die Aufladung mit Nebenbedeutungen (Konnotaten). Diskriminieren heißt ursprünglich nichts Anderes als „unterscheiden“ und wird in manchen Fachsprachen, z.B. in der Linguistik oder der HNO-Heilkunde, heute noch in diesem Sinne verwendet. Wenn ein Hörer einen bestimmten Laut gegen einen anderen abgrenzen und von ihm unterscheiden kann, dann „diskriminiert“ er diesen Laut. In der Umgangssprache jedoch hat eine Bedeutungseinengung stattgefunden im Sinne von „aus der eigenen Gruppe aussondern“. Die ursprüngliche Nebenbedeutung ist also zur eigentlichen Hauptbedeutung aufgestiegen. Konnotat und Denotat haben die Plätze getauscht. Dasselbe ist all den Bezeichnungen passiert, mit denen man den Begriff „Schwarzer“ vermeiden wollte.

Folglich ist das zwanghafte Vermeiden das eigentliche Problem.

Wir scheinen in einem Zeitalter zu leben, in dem krampfhaft versucht wird, einerseits bestimmte Unterschiede einzuebnen, auf der anderen Seite aber künstlich neue zu produzieren.

Beispiel 1: Wer heute den Begriff „Behinderter“ verwendet, setzt sich dem wütenden Vorwurf aus, „gehandicapte Menschen“ diskriminieren zu wollen. Behindert würden die Gehandicapten schließlich nur durch ihre ignorante Umwelt, so ein gern genommenes Stereotyp. Geht man indes noch einmal über „Los“, dann stolpert man über folgende Begriffskette: Krüppel, Invalide, Behinderter, Gehandicapter, Mensch. Denn tatsächlich hat der Verein „Aktion Sorgenkind“, der sich der Inklusion Gehandicapter widmet und durch eine Lotterie Einnahmen zugunsten dieser Menschen generiert, sich 1999 in „Aktion Mensch“ umbenannt.

So unappetitlich Begriffe wie „Krüppel“ und „Invalide“ auch sind, so sehr zeigt aber doch die obige Begriffskette, dass bestehende Unterschiede bis zur Unkenntlichkeit sprachlich immer weiter eingeebnet werden. Wer ist hier ignorant?

Beispiel 2: Das Gender Mainstreaming leugnet einerseits die Relevanz der beiden biologischen Geschlechter, differenziert andererseits aber immer neue „queere Geschlechtsbezeichnungen“, die bei Lichte besehen nichts mit Geschlecht, sehr viel hingegen mit sexuellen Orientierungen und Praktiken zu tun haben. Facebook folgt diesem Ansatz und bietet seinen Nutzern sechzig Geschlechter zur Auswahl an.  Hier findet also das genaue Gegenteil statt: Kleinste gefühlte Schattierungen in den psychischen Dispositionen von Menschen werden zu faktischen Unterschieden aufgeblasen. Sollte jede Nuance im sexuellen Begehren und Erleben tatsächlich ein neues Geschlecht konstituieren, so wären wir bald bei 7,6 Milliarden Geschlechtern, je Minute um 157 zunehmend. Dass die allermeisten Menschen „Mann“ und „Frau“ dennoch für erheblich relevanter halten als „Drag“ oder „Dyke“, finde ich beruhigend.

Gemeinsam ist diesen scheinbar so disparaten Auswüchsen das ideologische Substrat, auf dem sie sprießen. Wie ich in meinem Text vom 15.9.2017 ausgeführt habe, geht der Mechanismus des Diskriminierungsverbots zurück auf das Konzept der Critical Whiteness, das seinerseits einen Aspekt des Anti-Imperialismus und insofern auch der marxistischen Auffassung von der Gleichheit aller Menschen darstellt. Dem Anti-Imperialismus geht es um die Aufhebung von "Unterdrückungsverhältnissen" zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen mit unterschiedlich großer Macht. Eine Strategie kann darin bestehen, dass eine bestimmte unterprivilegierte Gruppe sich „wegdefiniert“, indem sie Unterschiede oder deren Bedeutung leugnet. So geschehen in den angeführten Beispielen der farbigen und der behinderten Menschen. Diese wollen dezidiert aus ihrer Opferrolle raus.

Eine andere Strategie kann darin bestehen, die kategoriale Zuordnung zu einer Gruppe grundsätzlich in Zweifel zu ziehen und durch Individualisierung zu leugnen. Nach dem Muster: Ich bin in allen Belangen ein derart einzigartiger und empfindsamer Mensch, dass ich in keine Schublade passe. Gern wird dieser Anspruch verknüpft mit einer persönlichen Opferhaltung, weshalb dies auch die Strategie des Gender Mainstreaming ist. In dieser Szene ist es einfach hip, neben einer "queeren" sexuellen Identität auch noch eine Laktoseintoleranz vorweisen zukönnen, die einen zu strengem Veganismus zwingt.

Fragen der Ernährung und der sexuellen Selbstverortung sind die Spielwiesen, auf denen man/frau heute seine/ihre Individualität austobt: „Im jungen, urbanen Milieu, das die Individualität zum allerhöchsten Gut erkoren hat, gehört es hingegen mittlerweile dazu, sich in Geschlechterfragen uneindeutig zu geben“, schreibt Julia Friedrichs im ZEIT-Magazin Nr. 25/2017. Und weiter: „Vielleicht wird eines Tages die Prophezeiung der New York Times wahr werden: 'In einer Generation', heißt es dort, 'wird uns die Einteilung in Geschlechter vielleicht so seltsam vorkommen, wie uns die Rassensegregation von einst heute erscheint.' Es würde passen als letzte Evolutionsstufe des hyperindividuellen Menschen.“

Erstaunlicherweise insinuiert die New York Times mit diesem Vergleich, die Rassentrennung in den USA sei überwunden. Das ist sie selbstverständlich nicht, ebensowenig wie die Bipolarität der Geschlechter. Der Riss in der amerikanischen Gesellschaft war allenfalls mit einer dünnen Schicht Schminke überdeckt, die in dem Moment aufplatzte, in dem ein grenzdebiler Präsident ihn wissentlich und willentlich vertiefte.

Als achtundzwanzig Jahre nach meiner ersten Begegnung mit einem farbigen Mann meine Tochter knapp zwei Jahre alt war, bekamen wir Besuch von einem nigerianischen Bekannten. Sie ließ sich von dem Besucher auf den Arm nehmen, war aber sichtlich konsterniert angesichts dieses über und über schwarzen Mannes. Nachdem sie sich gesammelt hatte, befeuchtete sie ihren Zeigefinger und versuchte, ihm die Farbe aus dem Gesicht zu rubbeln.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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