Martin Elsbroek
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Wortkunst


Der Penis als Klimakiller

© Martin Elsbroek  

Ich wende mich nicht gegen den Begriff „Gender“. Er bezeichnet die Geschlechtsrolle, also ein Repertoire von Verhaltensoptionen, die an das Geschlecht gebunden sind. Niemand bestreitet deren Existenz. In den 70ern wurde das, was Gender meint, bereits diskutiert, wenn auch in anderen Begriffen. Die Frage lautete: Sind wir durch Natur oder Kultur  determiniert? Durch unsere Gene oder durch unsere Erziehung? Der Konsens lautete am Ende: Durch beides, wobei die jeweiligen Anteile nicht quantifizierbar sind.

„Gender Mainstreaming“ hingegen ist eine politische Ideologie und Strategie, die diesen Konsens aufkündigt, indem sie ganz genau zu wissen vorgibt, dass Kultur uns zu 100%, Natur jedoch nur zu 0% determiniert. Wohlgemerkt: Dies ist weder Hypothese noch Diskussionsvorschlag – das ist dogmatische Setzung. Danach können Biologie und Medizin  zur Erklärung der Menschheit im Allgemeinen und des Geschlechts im Besonderen rein gar nichts beitragen, weil letzteres postfaktisch lediglich diskursiv konstruiert sei. Von allen möglichen Widersprüchen einmal abgesehen – und derer sind einige – halte ich dies für einen Unfug, mit dem sich jede weitere Beschäftigung erübrigt.  

„Gender Studies“ bezeichnen universitäre Geistesanstrengungen, die unter der dogmatischen Perspektive des „Gender Mainstreamings“ Forschung betreiben. Wobei „Forschung betreiben“ mir schwer über die Tastatur kommt, weil Forschung immer auch multiperspektivisch sein oder zumindest andere Blickwinkel zulassen sollte. Genau dafür jedoch stehen die „Gender Studies“ eben nicht, ebensowenig wie für methodische Vielfalt.    

Das methodische Paradigma des Genderdenkens ist der Konstruktivismus. Dieser hält nichts von dem, was wir begrifflich wahrnehmen, für real, sondern alles für sozial und/oder diskursiv konstruiert. Folglich müsse man, um den Dingen – z.B. einem Text - auf die Schliche zu kommen, so die Überzeugung, diese dekonstruieren. Die Dekonstruktion eines Textes geht stets vom Generalverdacht aus, der Autor verdecke seine wahre Absicht, indem er einen vordergründigen, nur scheinbaren Sinn anbiete. Folglich sucht man, einen Text dekonstruierend, nicht den Sinn dessen, was der Text sagt, sondern dessen, was er interessegeleitet verschweigt. Dass diese Methode auch den absurdesten Lektüren Tür und Tor öffnet, ist offensichtlich. Auf diese Weise kann man buchstäblich alles beweisen, aber auch alles widerlegen, je nachdem, wie man's braucht. Die Gender Studies bevorzugen das Widerlegen.    

Der Züricher Hochschullehrer Michael Hampe schreibt dazu: „Die KWL ist die kulturwissenschaftliche Linke. Sie machte zweierlei: historisch dekonstruieren und politisch korrigieren. Wer etwas über die Entdeckung des Nordpols oder die Wahrheit moralischer Aussagen herausfinden wollte, wurde von ihr als Ewiggestriger müde belächelt. Nahm man etwa an, dass es den Nordpol als Tatsache gebe? Hatte man noch nicht gehört, dass 'Nordpol' für ein Konstrukt steht, das durch technische Geräte, Diskurse, Politiken hergestellt worden war?“  

Offensichtlich ist des Weiteren, dass die Ergebnisse solchen Dekonstruierens, da sie nur auf vermutetem Nichtgesagten basieren, zwangsläufig in eine selbstreferentielle Endlosschleife einmünden.

„Dieses Spielchen“, so Hampe weiter, „hat den Charme der begeisterten Aufsässigkeit von Pubertierenden, die gerade die Philosophie entdecken, sich für den kommenden Sokrates halten ...“   

Und Harald Martenstein stellt zutreffend fest: „Irgendwie scheint Genderforschung eine Antiwissenschaft zu sein, eine Wissenschaft, die nichts herausfinden, sondern mit aller Kraft etwas widerlegen will. [...] Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf.“ 

Die Hohepriesterin dieses Glaubens und zugleich Virtuosin der Dekonstruktion ist zweifellos die Amerikanerin Judith Butler, der die Stadt Frankfurt/Main im Jahr 2012 den Adorno-Preis verlieh; eine Würdigung, die aus vielerlei Gründen nicht unumstritten war.

Der Adorno-Schüler Detlev Claussen, emeritierter Professor in Hannover, kommentierte das wie folgt: „JB [Judith Butler] ist eine weltberühmte akademische Idiotin ... Sie gehört zu den Spitzenstars der akademischen Verpackungskünstler, die keine Beziehung zu irgendeiner Sache haben, sondern nur zu ihrer eigenen Schaustellerei. […] Ihre Schriften und Reden sind die letzten Atemzüge einer Postmoderne, die sich in der Produktion von 'elegantem Unsinn' … erschöpft hat. Selbstreferentieller Akademismus, der aber über Massenmedien zu kommunizieren gelernt hat. Partielle Schläue in der Selbstvermarktung, also Halbidiotismus.“

Eleganter Unsinn ist auch die abenteuerliche Theorie zweier amerikanischer Wissenschaftler, über die SPIEGEL ONLINE berichtet, derzufolge man den männlichen Penis fortan nicht mehr als anatomisches Organ auffassen solle,  „...sondern als ein soziales Konstrukt, isomorph zur performativen toxischen Maskulinität.“    Am Beispiel des Klimawandels sollte die Studie den „vorherrschenden, schädlichen Tropos herausfordern, den Penis als männliches Sexualorgan zu verstehen und ihm eine passendere Rolle als Art maskuliner Performance zuweisen.“ Die Forscher kommen zu dem Schluss, der Penis sei „der konzeptionelle Treiber für einen Großteil des Klimawandels“.   

Die Begründung: „Destruktive, unnachhaltige, hegemoniale, männliche Einstellungen, Umweltpolitik zu prägen, sind das vorhersehbare Resultat einer Vergewaltigung der Natur durch eine männlich dominierte Mentalität. Diese Mentalität wird am besten gefasst, indem man die Rolle des konzeptuellen Penis bei der maskulinen Psychologie berücksichtigt.“ Insbesondere „jungfräuliche Landschaften" könnten „billig ausgebeutet werden“. (Alle Zitate nach SPIEGEL-ONLINE)

Der Witz daran ist: Diese Studie ist ein Fake – und niemand hätte es gemerkt, wenn ihre Autoren sich nicht geoutet hätten. Der Philosoph Peter Boghossian und der Mathematiker James Lindsay hatten ihren vollkommen sinnfreien Text aus Jux und Dollerei konsequent im sprachlichen Duktus der Genderforschung verfasst und zur wissenschaftlichen Prüfung bei einem Fachblatt eingereicht.

Die Gutachter seien des Lobes voll über die Arbeit gewesen, berichtet SPIEGEL-ONLINE weiter: „'Sie erfasse das Thema der Hypermaskulinität durch einen multidimensionalen und nichtlinearen Prozess', habe ein Gutachter geurteilt. Ein anderer habe geschrieben, der Aufsatz sei 'herausragend in jeder Kategorie'.“

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 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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