Martin Elsbroek
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Wortkunst


 Was hat der Gutmensch mit dem Nazi zu tun?

© Martin Elsbroek

Dem Blog von H. Danisch verdanke ich die Fragestellung, warum es noch niemandem aufgefallen sei, dass das Feindbild der Genderfraktion der „weiße, heterosexuelle Mann“ ist, mithin der Inbegriff des vom Nationalsozialismus vertretenen arischen Ideals. Von diesem Gedanken ist es nicht weit zu der Erkenntnis, dass mit der Biologie und der Medizin zwei wissenschaftliche Disziplinen von den Genderisten angefeindet werden, die von den Nationalsozialisten zur Begründung ihres Rassenwahns missbraucht wurden. Danisch hält deshalb das Programm des Genderfeminismus für  einen verspäteten Akt der (Selbst-)Entnazifizierung.

Konsequenterweise wird nirgends sonst wie in der Gender-Szene so häufig das Schimpfwort "Nazi" bemüht gegen jeden, der nicht 100%ig auf Linie ist. Das Buch "Beißreflexe" (herausgegeben von Patsy L'amour Lalove, Berlin 2017) ist, was das angeht, eine reiche Fundgrube. Auch "Helikoptermoral" von Wolfgang Schmidbauer (Hamburg 2017) verspricht diesbezüglich eine spannende Lektüre.

Wer also in seinem Gegenüber mit pädagogischem Nachdruck alles bekämpft, von dem er glaubt, dass es den Nazis lieb und teuer war, hat möglicherweise ein wie auch immer geartetes persönliches Problem mit dem Nationalsozialismus. Vielleicht projiziert er seine eigenen dunklen Anteile nach außen, um sie im Außen bekämpfen zu können. Diese symbolische Selbstreinigung verschafft ihm dann die Genugtuung der eigenen moralischen Makellosigkeit.

In der Strategie des Abwertens und Niedermachens von Diskursgegnern berühren sich die Biotope des Gender Mainstreamings und des Gutmenschentums. Als "Gutmenschen" bezeichne ich Angehörige eines Milieus, das sich permanent aufgerufen fühlt, seine Mitmenschen moralisch zu bevormunden. Auch hier gehen moralische Überheblichkeit und striktes Jakobinertum Hand in Hand.

„Gutmenschen geht es darum, zu beweisen, wer der bessere Mensch ist, statt darum, wer die besseren Argumente hat. […] Angesichts dieses exklusiven, quasipriesterlichen Wissens sind sie schnell auf Richard-David-Precht-hafte Weise ergriffen von sich selbst. […] Gutmenschen bewachen die Grenzen des Meinungskorridors wie Linienrichter das Fußballfeld. Wer aus ihrer eigenmächtig definierten Wohlfühlzone ausbricht, wird mit Diffamierung bestraft.“ (Bittner, Jochen: Die Gut(en)menschen - Warum sie nerven, in: DIE ZEIT Nr. 21/2017)

Für einen solchen Gutmenschen halte ich auch den/die/das Lann Hornscheidt. Er/sie/es arbeitet an einer gendergerechten Sprache, die alle begrifflichen Unterschiede auszumerzen versucht, mit denen sich noch "Diskriminierungen" - wie zum Beispiel die Worte „Mann“ oder „Frau“ - denken und wahrnehmen lassen. "Sie [die Neusprache] hatte nicht nur den Zweck, ein Ausdrucksmittel für die Weltanschauung ... zu sein, sondern darüber hinaus jede Art anderen Denkens auszuschließen. Wenn die Neusprache erst ein für alle mal angenommen ... worden war ... sollte sich ein unorthodoxer ... Gedanke buchstäblich nicht mehr denken lassen, wenigstens insoweit Denken eine Funktion der Sprache ist." Das stammt … nein, leider nicht von Hornscheidt, hätte aber sein können. Nein, ich zitiere aus George Orwells Roman "1984". Die Einebnung von Sprache und Unterschieden unterstelle ich dem Wirken und Wollen von Menschen wie Hornscheidt. Sprache soll keine Begriffe mehr zur Verfügung stellen, in denen abweichend gedacht werden kann. Ich sehe da absolut Parallelen zu Orwell.

Das erwartbare Gegenargument, dass Sprache immer im Flusse sei und sich stetig verändere, widerspricht dem nicht. Denn normaler Sprachwandel vollzieht sich spontan und blind von unten. Das "Gendern" der Sprache hingegen ist kalkulierte Sprachreinigung mit definierter Zielsetzung von oben.

Muss ich eine bestimmte Meinung für mich behalten, nur weil jemand anders sie ebenfalls vertritt? Selbst wenn dieser jemand mir peinlich ist?

Und die AfD empfinde ich nicht nur als peinlich, sondern auch als politischen Gegner. Sie ist eine Ansammlung von Spinnern, Glücksrittern und Losern. Jeder, der Augen, ein funktionierendes Hirn und das Herz am rechten Fleck hat, wird das sehen und daraus seine Schlüsse ziehen können. Dass die Gender Mainstreamer noch großartigere Spinner sind, wird dadurch, dass sie erfolgreich bei Vater Staat untergekrochen sind, teils verborgen, teils legitimiert. Das Gender Mainstreaming ist der blinde Passagier unseres Staatshandelns, es kommt auf leisen Sohlen daher, hängt sich viral an unsere staatliche DNA an und tut so, als habe all das seine Richtigkeit, was in Form von Erlassen und Durchführungsbestimmungen daherkommt, die im Unterschied zu Gesetzen keine Mitwirkung der gewählten Parlamente erfordern. Von einer Resolution auf der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 über den EU-Vertrag von Amsterdam 1997 und die Geschäftsordnung der Bundesregierung 1999 hinein in den Koalitionsvertrag der ersten Regierung Merkel 2005 - die Karriere des Gender Mainstreaming ist wirklich atemberaubend. Und alles ohne die geringste demokratische Legitimation, ohne dass bei uns auch nur einmal darüber abgestimmt worden wäre. Diese Form des von den 68ern verkündeten „Marsches durch die Institutionen“ ist, man muss es neidlos anerkennen, äußerst geschickt eingestielt. Das macht den Genderismus viel gefährlicher, als es die AfD je sein kann. Immerhin unterscheidet sie das; gemeinsam indes ist beiden der totalitäre Anspruch.

Auch hängen beide Phänomene direkt miteinander zusammen: Ohne die systematische Aufwertung von Minderheiten, die nur laut und dreist genug Opferstatus beanspruchen, wären uns sowohl Gauland als auch Trump erspart geblieben. Denn die Aufwertung von z.T. extremen Weltbildern dominiert und diskriminiert faktisch die Normalo-Mehrheit. Und die ist zahlenmäßig mindestens um den Faktor 10, wenn nicht mehr, größer als alles "Queere" zusammen.

Bevor Heere von Gutmenschen sich nun bemüßigt fühlen, mich zu shitstormen, stelle ich klar, dass es nicht mein Ansinnen ist, bestimmte Gruppen auszugrenzen oder ihnen die gleichen Rechte wie der Mitte der Gesellschaft zu verweigern. Aber es ist, wie sich zeigen wird, der falsche Weg, ihnen Sonderrechte und Vorrang einzuräumen - und seien die Motive noch so edel. Denn es verletzt demokratische Prinzipien. Nicht mehr die Mehrheit gibt die Richtung vor, sondern die Schrillen.  

Das ist so, als stünde man an der Supermarktkasse geduldig Schlange, und bemerkt plötzlich, dass eine weitere Kasse aufgemacht hat, an der aber nur weiße Mäuse abgefertigt werden: Tunten, Transen, Schwule, Lesben, Feministen, Gehandicapte (1). Die Lektion, die da gelernt wird, lautet: Wer sich brav an die Regeln hält, ist der Dumme. Wer bunt ist und Krawall macht, kriegt extra: Geschlechtsabweichler das Genderklo, Schwule und Lesben die Ehe, Feministinnen die Quote und  Gehandicapte die Inklusion. Egal, welchen Sinn all das jeweils ergibt oder wie dilettantisch es im Einzelfall gemacht ist: Raus mit der Kohle, es ist ja gut gemeint. Aber leider heißt die kleine Schwester von „gut gemeint“ in der Regel „schlecht gemacht“. Und ist es nicht in Wahrheit diese Anbiederei, die zutiefst populistisch daherkommt?  

Dass die grauen Mehrheits-Mäuse sich massiv verarscht fühlen, kann ich nachempfinden; ebenso, dass sie sich auf demokratische Spielregeln nicht mehr verlassen mögen. Folglich gehen einige von ihnen Rattenfängern auf den Leim, die auf diese Regeln scheißen. Zum Beispiel Trump. Zum Beispiel Gauland. Zum Beispiel Le Pen. Zum Beispiel Farage.

Das hat der Gutmensch mit dem Nazi zu tun.

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(1) Die Gruppe der Migranten nehme ich von meiner Betrachtung ausdrücklich aus. Ihre Situation ist unaufschiebbarer existenzieller Not geschuldet. Das macht den Unterschied zu den übrigen. Es zeigt zugleich, welche Luxusprobleme hierzulande verhandelt werden. Wie zum Beispiel die korrekte Geschlechtsbezeichnung für einen zur Frau umgewandelten Mann, der Frauen liebt. Das lässt sich keiner Sudanesin vermitteln, der gerade die Kinder verhungern.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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