Martin Elsbroek
/

Wortkunst


Am 9. September 2017 erschien in der Beilage "Sonntag" zum Göttinger Tageblatt unter dem Titel "Was heißt schon Geschlecht" ein Artikel zur Gender-Debatte.

Hier meine Replik zu diesem Artikel:

Kulturrevolution?

© Martin Elsbroek

Nun wissen wir es also: Es tobt ein „Kulturkampf“. Und zwar von rechts: „Rechtspopulistische, ultrakonservative und christlich-fundamentalistische Gruppierungen wettern gegen jede Kritik am traditionellen Geschlechterverständnis, gegen eine Modernisierung der Geschlechterverhältnisse, gegen Gleichstellungspolitik.“ Und damit auch der/dem letzten gleich klar ist, woher der Wind wirklich weht: „Die AfD plakatiert 'Stoppt den Gender-Wahn'“.
Merkwürdig. Weder bin ich ultrakonservativ noch ein Rechtspopulist. Und als Agnostiker stehe ich den Kirchen ebenso fern wie der AfD. Trotzdem halte ich Kritik am Gender Mainstreaming (GM) nicht nur für legitim, sondern für dringend geboten.Das larmoyante Gejammer über das bisschen Gegenwind provoziert zunächst die Frage, wie denn die Gender-Fraktion selbst mit Kritik gegen sich umgeht? Der Text zeigt, dass auf Kritik nicht mit Argumenten geantwortet wird, sondern mit abwertenden und klischeehaften Zuschreibungen an die Kritiker. So lesen wir unter der Überschrift „Was heißt schon Geschlecht?“, dass zum Thema Gender „in den Sozialwissenschaften“ „viel geforscht“ werde und es „sehr differenzierte, ernsthafte Antworten“ gebe, auf der Gegenseite jedoch nur eine „rückwärtsgewandte Sichtweise“ und „Polemik“.Um welche Sozialwissenschaften es sich handelt, sagt man uns nicht. Vermutlich sind die Gender Studies gemeint, ein Konglomerat von bundesweit etwa 200 Genderprofessuren, die zu 99% weiblich besetzt sind. Dass man uns von deren Forschungsergebnissen lediglich mitteilt, dass sie ernsthaft und differenziert seien,  verdeckt nur mühsam, dass die Hervorbringungen weitgehend irrelevant sind. Wen interessieren schon geschlechtsneutrale Personalpronomen? Oder Gendertoiletten? Ist das ernsthaft?

Wenn dann auch noch versichert wird: „Es geht nicht darum, Frauen das Frausein und Männern das Mannsein abzusprechen. Niemand soll 'umerzogen' werden.“, dann drängen sich mir zumindest gleich drei weitere Fragen auf:

a) Nimmt da jemand einen Vorwurf vorweg, dessen Berechtigung er zwar nicht zugibt, aber dennoch ahnt?  

b) Wenn niemand „umerzogen“ werden soll und jeder nach seiner Façon glücklich werden darf, wozu dann dieser missionarische Impetus?

c) Wieso eigentlich führt sich ein Konzept wie das GM, dessen erklärte Absicht es ist, die Kategorie „Geschlecht“ zu überwinden, derart geschlechtsbesessen auf, dass es laufend neue Geschlechtsbezeichnungen hervorbringt? Dazu später mehr.

Der in Deutschland stark von Alice Schwarzer geprägte Feminismus hat seine historische Mission erfüllt. Wer die letzten fünfzig Jahre rekapituliert, wird die atemberaubende Entwicklung feststellen, die sich in dieser historisch winzigen Frist ereignet hat. In den Sechzigern durften Mädchen/Frauen in der Schule keine Hosen tragen, Eltern ihre Tochter nicht mit deren Freund übernachten lassen (das war strafbar), Hoteliers keine unverheirateten Paare beherbergen (strafbar), Homosexuelle sich nicht zu ihrer Neigung bekennen (auch strafbar) und Frauen ohne Erlaubnis des Mannes keine Arbeit aufnehmen. Ehen wurden nach dem Schuldprinzip geschieden, was den völligen Verlust des Unterhalts nach sich zog, wenn die Frau die Schuld trug. Und dies ist nur eine kleine Auswahl.

Von solchen Zuständen sind wir – wie jeder leicht nachprüfen kann - meilenweit entfernt. Wir haben Bundesminister, die sich als schwul bzw. lesbisch geoutet haben, ohne dass dies einen Kulturkampf ausgelöst hätte. Niemand mehr stört sich an schwulen Pärchen, die öffentlich verliebt turteln, und jeder darf in seinem Schlafzimmer tun, was immer er möchte – auch ohne Trauschein. Es interessiert niemanden, schon gar nicht den Staat. Und die völlige rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau ist erreicht; keine Frau muss noch ihren Mann um Erlaubnis für was auch immer bitten, und vor dem Scheidungsrichter hat sie als Mutter ohnehin die besseren Karten. Aber ich höre schon den Einwand: Die faktische Gleichstellung gibt es noch nicht.

Stimmt genau: Frauen können die Väter ihrer Kinder nach der Scheidung ungestraft outsourcen, im Bergbau arbeiten zu 100% Männer, Obdachlosigkeit ist zu 75% und Alkoholismus zu 70% männlich, die Lebenserwartung von Männern meiner Generation um rund fünf Jahre geringer als die von Frauen. Wenn die Rede des GM vom Patriarchat als Wurzel allen Übels je zutraf, dann gewiss in dieser Frage. Aber darum kümmert sich niemand, schon gar nicht die Gleichstellungsbeauftragte.

Aber wir wollen es dem GM ja nicht gleichtun und jammern. Fragen wir lieber nach dem Maßstab, den man/frau anlegen will. Ist Gleichstellung dann erreicht, wenn es in den Kitas genau so viele Erzieher wie Erzieherinnen gibt? Wenn an der Spitze der DAX-Unternehmen genau so viele weibliche wie männliche CEOs stehen? Wenn es genau so viele Flugkapitäninnen wie Flugkapitäne gibt? Wenn es genau so viele Hausmänner wie Hausfrauen gibt? Wenn es genau so viele Alkoholikerinnen wie Alkoholiker gibt? Wenn Frauen in gleichem Maße den frühen Herztod sterben wie Männer?

Ich bezweifle, dass ein solcher Maßstab konsensuell überhaupt zu finden ist. Dazu sind die Sichtweisen viel zu unterschiedlich. Aber einmal angenommen, man fände einen: Wie soll er durchgesetzt werden? Soll der Staat die individuelle Entscheidung einer jungen Frau für den Beruf der Krankenschwester blockieren, solange die 50%-Quote noch nicht erreicht ist? Oder einen Mann wegen der Quote in Teilzeit schicken? Soll der Staat einem Unternehmen vorschreiben, welches Führungspersonal es einstellt? Die DDR lässt grüßen.

Derlei Ziele lassen sich nicht befehlen. Deshalb täte man gut daran abzuwarten, wie die weitere Entwicklung die gegebenen rechtlichen Spielräume ausfüllt. Und wer weiß, vielleicht erweist sich am Ende doch, dass Frauen wissentlich und willentlich anderen Kriterien und Prioritäten folgen als Männer – und zwar, weil sie biologisch Frau und Mann sind? Die einzigen, die das kategorisch bestreiten, sind die Aktivistinnen des Genderfeminismus – und das ohne jeden belastbaren Beweis.

Der Feminismus hat seine Ziele im Wesentlichen auch insofern erreicht, als im Windschatten der Schwarzer-Fraktion eine Generation selbstbewusster, gut ausgebildeter Frauen nachgewachsen ist, die sich gegenüber ihren Altvorderen emanzipiert haben, indem sie sich auch ihnen gegenüber das Recht zum Widerspruch herausnehmen. Selbst dann, wenn Frau Schwarzer das als groben Undank empfindet. Und last not least ist der Diskurs in den bundesrepublikanischen Medien mittlerweile weiblich dominiert. Angesichts der Tatsache, dass das GM Staatsziel der BR Deutschland ist, angesichts von zweihundert Genderprofessorinnen, von denen eine offiziell als Beraterin der Bundeskanzlerin fungiert, angesichts des Einflusses von Gender-Feministinnen, eine Wiederholung der „hart aber fair“-Sendung des WDR vom 2.3.2015 erzwingen zu können, weil sie sich in der Sendung unfair behandelt fühlten – angesichts all dessen lässt sich die weibliche Opferrolle nicht mehr überzeugend vertreten.

Dabei braucht aber der Feminismus den weiblichen Opferstatus so dringend wie das Auto den Sprit - doch wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her, und das war in diesem Falle die Denkfigur der „critical whiteness“, die, aus den USA kommend, Eingang in die Debatte fand.

Ausgehend von der Rassenfrage (schwarz/weiß) problematisiert dieses Konzept die weiße Hautfarbe als Privileg ihres Trägers gegenüber jedem Nicht-Weißen und behauptet zugleich, dass dieses Privileg seinen Träger zum Auslöser einer diskriminierenden Mikro-Aggression gegenüber dem Nicht-Weißen mache. Wohlgemerkt: Nicht das konkrete Verhalten eines Menschen, sondern allein das Attribut „Hautfarbe“. Das heißt: Meine Hautfarbe sorgt automatisch dafür, dass ich jeden Afrikaner oder Asiaten, mit dem ich zu tun habe, und sei es noch so freundschaftlich und friedfertig, diskriminiere und dafür zur Rede gestellt werden kann.

Übertragen auf den Feminismus bedeutet dies, dass ich allein durch das (zweifelhafte)  Privileg, ein heterosexueller Mann zu sein, jedes nicht-männliche, nicht-heterosexuelle Gegenüber einer Diskriminierung und einer Mikro-Aggression unterziehe. Und als weißer, heterosexueller Mann bin ich gleich vierfach privilegiert: Als Weißer, als Mann, als Hetero, und das Alter spielt insofern eine Rolle, als es Auskunft darüber gibt, wie lange ich diese Privilegien bereits genieße. Das wirkt sich auf die zu leistende Buße aus.

Daher rührt auch das zwanghafte Gefasel vom „alten, weißen Mann“, welches in jeder Genderdebatte unfehlbar aufgetischt wird, sobald der Gender-Fraktion die Argumente ausgehen. Der Diskriminierungsvorwurf ist, jeder merkt es auf der Stelle, ein Werkzeug, das sich willkürlich gegen jedermann richten lässt, den man als Diskursteilnehmer gern abräumen möchte. Er ist ein perfektes Werkzeug in den Händen von hypermoralisierenden Anhängern der politischen Korrektheit. Vor allem aber ist er genau das, was er anderen vorwirft, zu sein: er ist rassistisch, er ist sexistisch, er ist diskriminierend.

Der entscheidende Profit für den Feminismus aber besteht darin, dass sich damit problemlos neue Opfergruppen erschließen lassen.

Nehmen wir nur die LGBTQIA-Fraktion. L steht für lesbian, G für gay, B für bisexual, T für transsexual, Q für queer, I für intersexual  und A für asexual. („Queer“ fühlt sich allem „Nicht-Anerkannten und Prekären“ verpflichtet). Das sind nun schon sieben neue Opfergruppen – GM nennt sie „Geschlechter“, s.o.  – die vom Queer-Feminismus – und das ist das GM - vereinnahmt werden.

Gegenüber diesen Opfergruppen gelten – und das ist der Witz – die „normalen“, früher vom Schwarzer-Feminismus vertretenen Cis-Frauen bereits wieder als privilegiert, denn ihre Opferrolle hat sich erschöpft und sie sind Heteros. Das macht sie ihrerseits zu diskriminierenden Mikro-Aggressorinnen. Cis-Frauen sind Frauen, die mit ihrem biologischen Geschlecht kein Problem haben und sich darin wohlfühlen. Sie repräsentieren zwar 97% aller Frauen, gelten dem GM jedoch als langweilige Schlaftabletten, ebenso wie Cis-Männer. Wer in der Queer-Szene auf sich hält, ist mindestens lesbisch. Oder schwul.

Eine weitere aberwitzige Konsequenz des im „critical-whiteness“-Konzept angelegten Diskriminierungsverbots ist es übrigens, dass der Umgang islamischer Gesellschaften mit ihren Frauen vom GM tabuisiert wird. Eine Burka in Deutschland gilt als no go, eine Burka in Afghanistan hingegen als „Übung in Bescheidenheit und Stolz“ (Judith Butler). Denn würde frau die reale Unterdrückung von Frauen in islamischen Gesellschaften ebenso scharf angreifen wie die gefühlte Unterdrückung hierzulande – frau würde sich als weiße Europäerin/Amerikanerin der kulturellen Diskriminierung und der Mikro-Aggression schuldig machen. Da hält frau - politisch korrekt (oder abgrundtief feige?) - doch lieber die Klappe. Bezeichnenderweise fetzen sich Alice Schwarzer und Judith Butler über diese Frage wie die Kesselflicker, und zwar in aller Öffentlichkeit.

Das bedeutet, dass sich der Kampf des GM nicht mehr nur gegen Männer richtet, sondern auch und besonders gegen alle Normalo-Frauen.

Die junge, gut ausgebildete, selbstbewusste Frau, die mit ihrem Leben und ihrem Partner zufrieden ist und sich zwanglos und freiwillig dafür entscheidet, Kinder zu bekommen und diese auch selbst zu betreuen, ist der ultimative Stachel im Fleische des Feminismus. Sie gilt als Verräterin an der feministischen Sache.

Wenn es den eingangs zitierten Kulturkampf also wirklich gibt, dann wird er geführt von einer Handvoll hochmotivierter GM-Aktivistinnen gegen den Rest der Welt. GM erweist sich bei genauem Hinsehen als realitätsabgewandte Menschheitsbeglückungsfantasie, die unwillkürlich an die  chinesische Kulturrevolution erinnert. Beide wurzeln im selben ideologischen Humus, dem Marxismus-Leninismus, und teilen den Grad der Verblendung. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass die heutige Genderdebatte wie der zweite Aufguss jener Debatte wirkt, die von der 68er Bewegung um die Frage geführt wurde, ob es Natur oder Kultur ist, die uns determiniert. Alles schon mal dagewesen, alles kalter Kaffee.

Während der Kulturrevolution übrigens wurde die Bevölkerung aufgefordert, nicht-linientreue Genossen zu verpfeifen. Insoweit liegt es also wohl in der Natur der Sache, wenn die Heinrich-Böll-Stiftung, eine Stiftung der Grünen, kürzlich ein „Antifeminismus-kritisches Lexikon“ ans Netz brachte, das alle Personen auflistet, die öffentlich schon einmal mit Kritik am Gender-Feminismus aufgefallen waren. Ist Kritik am Feminismus ein Delikt? Darf man Andersdenkende dem netzfeministischen Mob zum Fraße vorwerfen? „Fürchtet Euch ruhig!“ droht Margarete Stokowski auf Spiegel-online vorsichtshalber schon einmal.

Auch wenn dieses Projekt nach kurzer Zeit wegen massiver Proteste zurückgenommen wurde: Der Pranger ist eine genuin faschistische Methode, seine Gegner dem angeblich gesunden Volkszorn auszuliefern. Heutigentags sind es die netzfeministischen Trolle der (a)sozialen Netzwerke, deren Selbstgerechtigkeit man ans Messer geliefert wird. Dazu passt zwanglos der Chor der GM-Aktivistinnen, die anlässlich der Verurteilung von Gina-Lisa Lohfink skandierten: „Bildet Banden, macht sie platt, Macker gibt’s in jeder Stadt!“

Kulturkampf von rechts? In der Tat.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


Mein Blog

Was hat der Gutmensch mit dem Nazi zu tun?


Text der Woche

Nr. 42/2017:

"Aschermittwoch"