Martin Elsbroek
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Wortkunst


Ich bin dann mal weg

© Martin Elsbroek

Als ich in meinen letzten Blogeintrag (4.11.2017) das Fazit zog, dass der Feminismus nicht am Diskurs interessiert sei, sondern Unterwerfung verlange, kannte ich zwei Pressetexte noch nicht, die mein Urteil sehr plastisch illustrieren.

Im SPIEGEL 43/17 publizierte Anna Clauss einen Leitartikel mit dem Titel „Men, too“.

Darin heißt es, der #metoo-Aufschrei werde erst dann „... die volle Wirkung entfalten, wenn sich auch Männer angesprochen fühlen. Und zwar jene Mehrheit der Männer, die Frauen nicht belästigen.“ Im Weiteren spricht sie dann ausdrücklich von der „Gruppe der Anständigen“.

Männer in der Defensive

Nun gut, denke ich, immerhin akzeptiert Frau Clauss mit diesen Sätzen, dass es eine solche Mehrheit gibt. Das hatte ich aus feministischem Munde noch nie vernommen. Im Gegenteil: Seit Jahrzehnten meiert der Krawallfeminismus die männliche Hälfte der Menschheit pauschal und klischeehaft als Machos, potentielle Vergewaltiger und alte weiße Männer ab. Immerhin rechnet auch die derzeit rollende #metoo-Welle die Taten des Herrn Weinstein auf die gesamte männliche Hälfte der Menschheit hoch und insinuiert auf diese Weise, alle Männer akzeptierten Gewalt, um sich die Weiblichkeit gefügig zu machen. Dass dabei tunlichst versäumt wird, den „Sexismus“-Vorwurf präzise zu definieren, damit er auch wirklich jede männliche Lebensäußerung abdeckt – geschenkt. Kennen wir. Das Betroffenheitsdogma, auch weibliche Definitionsmacht genannt, gehört halt zum dogmatischen Kernbestand des Feminismus.

Zwei Absätze später wundert Frau Clauss sich darüber, dass Männer „... sich oft in der Defensive“ fühlen. Das wiederum wundert mich, denn Männerbashing gehört seit Alice Schwarzer fest zum Markenkern des Feminismus. Männer kommen in dessen Weltbild nur als des Denkens und Sprechens kaum mächtige, triebgesteuerte und testosterongetränkte Lachnummern vor.

Warum die Ranschmeiße?

Gegenfrage also: Warum sollten wir uns nicht in der Defensive fühlen? Warum sollten wir uns durch das unversehens von Frau Clauss verliehene Attribut „Gruppe der Anständigen“ einseifen lassen und für den Feminismus in die Bresche springen? Warum sollten wir uns vor den Karren derer spannen lassen, die es bislang abgelehnt haben, zwischen „Anständigen“ und Tätern zu differenzieren? Die „die Gruppe der Anständigen“ mit ihren Pöbeleien gegen Machotum, Chauvinismus und „toxische Maskulinität“ immer auch mitgemeint und mitgetroffen haben? Die - wie die Böll-Stiftung der Grünen - feminismuskritische Journalisten im Netz an den Pranger stellen?

Das ist finsterstes Mittelalter und genau das macht diese smoothe Attacke sehr verdächtig. Sich die Männer zu Komplizen zu machen statt zu Gegnern, versäumt der Feminismus seit Jahrzehnten. Warum also ausgerechnet jetzt  die softe Ranschmeiße an die „Anständigen“?

Wenn der Feminismus gelegentlich mal von seinem hohen ideologischen wie moralischen Ross herunterkäme und uns Männer nicht nur als gleichrangige bzw. -wertige Gesprächspartner akzeptierte, sondern auch als Menschen wahrnähme, wäre ich der letzte, der nicht mit sich reden ließe, aber so? Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Dass mein Bauchgefühl nicht trog, erlebte ich dann bei der Lektüre der Wochenendbeilage der Hannoverschen Allgemeine Zeitung (HAZ) vom 4. November. Dort publizierte Robert Franken, laut Selbstauskunft auf seiner Homepage Feminist (Seit wann ist das ein Beruf?), einen Text unter der Überschrift „Warum #MeToo uns alle angeht“.

Gleich im Untertitel geht’s tüchtig zur Sache. Franken hält sich mit einschmeichelnden Präliminarien gar nicht erst auf und geht gleich in die Vollen. Es werde nun Zeit „... die Männer in die Pflicht zu nehmen.“ Ausgerechnet der Vertreter einer Bewegung, die stets den herrschaftsfreien Diskurs auf Augenhöhe einfordert, bietet einen solchen nicht an, sondern nimmt in die Pflicht. Ah ja.

Das Stricken am Opfermythos

Dann schreibt er, man müsse aufpassen, „ … dass man die Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf Harvey Weinstein richtet.“ Das hätte ich genau umgekehrt formuliert: Man muss aufpassen, dass der Feminismus nicht alle Männer über jenen Leisten schlägt, der da Harvey Weinstein heißt.

Weiter schreibt Franken: „Dennoch kritisieren einige Menschen die Aktion. Der Hashtag sei zu allgemein, als dass sich die dahinter liegenden Einzelschicksale differenzieren ließen. Diesen Menschen sei gesagt: Niemand hat Frauen vorzuschreiben, welche Details ihrer persönlichen Dramen sie öffentlich machen.“

Oh doch, Herr Franken. Solange mit sogenannten „persönlichen Dramen“ an der weiblichen Opferlegende gestrickt wird, ist der Nachweis des Opfertums eine conditio sine qua non. Und die verlangt nicht irgendeine selektive Wahrheit, sondern die volle. Dass dieser Anspruch nicht verhandelbar ist, haben nicht nur die Strafprozesse Kachelmann und Lohfink gezeigt, sondern auch die Kriminalstatistik: „Bekannt ist ... die Zahl der Vergewaltigungsanzeigen, die laut polizeilicher Kriminalstatistik in der Justiz als erwiesene Falschbeschuldigungen gewertet und strafrechtlich verfolgt werden. Sie liegt bei immerhin 7 Prozent. Dabei sprechen zahlreiche … Studien dafür, dass die wirkliche Zahl sogar noch deutlich darüber liegen dürfte: So konnte etwa das rechtsmedizinische Institut Hamburg, das die größte deutsche Opferambulanz betreibt, eine Falschbelastungsquote von 27 Prozent nachweisen. Nachweisen meint den Nachweis, dass die angeblich Vergewaltigten sich ihre Verletzungen selbst zugefügt hatten.“

Wie hoch mag die virtuelle Fake-Quote erst sein, wenn sie bereits real, also in der direkten Konfrontation mit Polizei und Arzt, mehr als ein Viertel aller angezeigten Fälle ausmacht? Die Hälfte? Drei Viertel? Ein Tweet ist mühelos abgesetzt und man muss nichts beweisen.

Aber derlei Widerspruch mag Herr Franken gar nicht. Oh, da wird der Onkel Robert richtig sauer: „Schämt Euch!  Für euer eigenes Schweigen! Für Eure Ignoranz! Und für Eure falsch verstandene Männlichkeit!“

Ein anderes Ziel

Spätestens an dieser Stelle gibt Robert Franken alles auf, was man mit viel Nachsicht und Augenzudrücken noch als ernsthaften Beitrag zum Diskurs durchgehen lassen könnte. Hier outet er sich endgültig als Gutmensch, der nur seine eigene autoritäre Moral kennt. Und was „richtig" verstandene Männlichkeit ist, wird er uns bei nächster Gelegenheit sicher auch noch erklären.

Spätestens jetzt geht mir jeglicher Glaube an die spontane Genese von "#metoo" verloren. Wenn die Printmedien des Landes seitenweise Platz freigeben für Texte, mit denen unisono die Empörung des Publikums gedüngt wird, und zwei Wochen später derselbe Platz erneut bereitgestellt wird, um den Moral-Mähdrescher zur Ernte des schlechten Gewissens auffahren zu lassen, dann mag ich an Zufall nicht mehr glauben.

Frankens Text erschien als Sonntagsbeilage überall im norddeutschen Raum, beim Göttinger Tageblatt ebenso wie in den Kieler Nachrichten, bei den Dresdner Neuen Nachrichten ebenso wie in der Märkischen Allgemeinen. Außerdem natürlich bei facebook und youtube. Und das soll nicht orchestriert sein?

Einen Satz von Vojin Sasa Vukadinovic wandle ich ab wie folgt: Wer mit solcher Persistenz von Machtstrukturen redet, von den ihm selbst zur Verfügung stehenden aber schweigt, der dürfte ein anderes Ziel vor Augen haben: nämlich selbst an ebenjener Macht teilzuhaben.

Der Feminismus will keinen Diskurs, er verlangt Unterwerfung.

Herr Franken, in Ihre Pflicht begebe ich mich nicht.

Ich bin dann mal weg.

Me too.

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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Text der Woche

Nr. 47/2017:

"Sinnfreies Anagramm"