Martin Elsbroek
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Wortkunst


Was soll man da noch sagen?
(c) Martin Elsbroek

Kürzlich, ich befand mich auf einer Busreise nach Berlin, befleißigte sich ein mitreisender Herr fortgeschrittenen Alters ironischer Bemerkungen gegen alleinreisende Damen. Die fanden das nicht lustig. Ich übrigens auch nicht.

Eine dieser Damen zischte dann gut vernehmbar zurück: „Männer!“ Das wiederum konnte ich so nicht stehen lassen und gab der Dame zu bedenken, dass man mit derlei Pauschalurteilen in aller Regel weit übers Ziel hinausschieße.

Erregt wie sie war, vertraute sie mir mit wissender Miene an, männliche Gene seien zu zwölf Prozent schlecht. Als ich erstaunt die Brauen hob, erstickte sie jeden Widerspruch im Keim, indem sie nachschob, das sei „medizinisch gesichert“.

Da konnte ich meinerseits nur noch die Augen verdrehen. Denn erstens streitet der Feminismus die Relevanz des biologischen Geschlechts stets ab. Interessant, dass die Biologie dann doch herhalten muss, wenn es darum geht, Männern  Minderwertigkeit ins Stammbuch zu schreiben. Wobei mir, während ich dies schreibe, spontan die Frage in den Sinn kommt, ob minderwertiges Leben nicht besser gleich entsorgt gehört. Also ab in die Tonne. Oder doch in den Ofen? Aber lassen wir das.

Zweitens erinnerte mich dieser Wortwechsel an eine Dame aus früherer Bekanntschaft, die mir einst mit dem Gestus der Erleuchteten ihre unbezweifelbare Überzeugung kundtat, dass die Welt im Handumdrehen zu retten sei, wenn – ja, wenn man nur das Matriarchat ausriefe, also die Herrschaft der Frauen, oder präziser gesagt: die Herrschaft der Mütter. Denn Frauen, und eben nur diese, seien friedfertig, egalitär und frei von Gier.

Hätten die Frauen die Macht, so ihre Rede weiter, sei deshalb auf der Stelle Schluss mit Krieg, Überbevölkerung, Umweltzerstörung, Ressourcenverschwendung, Unterdrückung, Ausbeutung, Hierarchie, Macht und Herrschaft von Menschen über Menschen. Vorsichtshalber fragte ich nach, ob es ihr damit ernst  sei, dass die Herrschaft der Frauen Herrschaft als solche abschaffen wolle; denn das beträfe schließlich auch das Matriarchat selbst. Nein, nein, korrigierte sie sich eilends, das müsse ausnahmsweise schon noch eine Weile bleiben.

Als ich einwandte, dass Margret Thatcher eine sehr machtbewusste Frau gewesen sei, die kein Problem damit gehabt habe, Krieg um ein paar kleine Inseln im Südatlantik zu führen; dass auch Golda Meir als israelische Ministerpräsidentin Krieg geführt habe,  und zwar mit der Begründung, dass es zwischen Israelis und Arabern keinen Kompromiss geben könne; dass des Weiteren Angela Merkel ebenfalls eine sehr machtbewusste und -verliebte Frau sei, die männliche Konkurrenten reihenweise über die Klinge springen lasse; und dass schließlich auch Maria Theresia, die als Kaiserin im 18. Jahrhundert faktisch die Regierungsgeschäfte Österreichs führte, sehr konsequent den österreichischen Erbfolgekrieg zu ihrem persönlichen Vorteil betrieben habe, bekam ich mit einem wissend-überlegenen Lächeln zur Antwort:  „Jaaaaaa, aber anders geht's doch nicht! Wenn eine Frau im Patriarchat agiert, muss sie handeln wie ein Mann. Sonst funktioniert es nicht.“ Jaja, die Maria Theresia, ein wahrer Tausendsassa.

Tja. Was soll man da noch sagen? Außer, dass man sich mit der Frage rumschlägt, warum die einmal gewonnene Macht von keiner der besagten Damen dazu genutzt wurde, das Matriarchat zu installieren. Nicht einmal von Frau Merkel, die sich doch von einer Gender-Professorin beraten lässt und das Frauenressort bis vor kurzem der frauenbewegten  Frau Schwesig anvertraute. Was soll man also da noch sagen?

Zum Beispiel könnte man erwidern, dass diese Antwort selbstreferentiell ist. Das heißt, dass eine bestimmte Idee sich zu ihrer Begründung nicht auf Fakten bezieht, sondern auf ihre eigenen Glaubenssätze.

Konkret: Die Idee ist der Feminismus, zu dessen Glaubenssätzen es gehört, dass Frauen den Männern moralisch überlegen seien, weil friedfertig, egalitär und frei von Gier. Wenn aber Frauen so gestrickt seien, könnten sie die Macht der Männer folglich nur brechen, indem sie sich ihrer Mittel bedienen. Soweit die Theorie.

Nun zur Realität: Meines Wissens ist nie untersucht oder gar nachgewiesen worden, ob es die behauptete moralische Überlegenheit des weiblichen Geschlechts überhaupt gibt. Im Gegenteil sehe ich viele gute Gründe, daran zu zweifeln. Die Realität deckt sich offenbar nicht mit der Theorie.

Wenn also behauptet wird, eine Frau müsse agieren wie ein Mann, wenn sie sich im Patriarchat durchsetzen wolle, setzt das jene unterschiedliche moralische Fallhöhe der Geschlechter voraus, die nur der Feminismus und sonst niemand behauptet. Also begründet der Feminismus sich mit sich selbst. Das ist mit „selbstreferentiell“ gemeint.

Das Kriterium der Selbstreferenz zeigt an, dass eine Idee sich der grundsätzlichen Beweisbarkeit (und damit auch der Widerlegbarkeit) entzieht, was seinerseits einen Hinweis auf den Status der Idee als Ideologie gibt.

Tja. Was soll man da noch sagen?

Ich jedenfalls habe die eingangs erwähnte Dame mit allen Anzeichen des Entsetzens gefragt: „Waaas? Zwölf Prozent nur? So wenig?“

 

 

 

 

 

 Lesen Sie hier den Artikel der HNA vom 12.04.2017


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